Willkommen zu meiner Radiosendung auf Radio Helsinki vom 21. Jänner 2025 mit Ben als Gast im Studio von Radio Helsinki. Ben Russell ist in Wien ansässig und seit vielen Jahren als Sexualbegleiter*in und in der sexuellen Aufklärung tätig. Er bietet sexualpädagogisches Wissen, Selbsterfahrung und vor allem schönen, lustvollen Sex für Frauen an.
Hier findet ihr den Link zur Sendung: https://de.cba.media/693665
„Ich kann sagen, dass ich sehr gerne mal in einem Bordell wäre und dort arbeiten würde. Ich finde die Idee von Lickjobs und Saunaclubs für Frauen ganz toll.“
(Ben Russell)
Von der falschen Vorstellung, wie ein Sexarbeiter auszusehen hätte, der Selbstermächtigung der Frauen und dem Kampf gegen gesellschaftliche Vorurteile
In diesem Interview spricht Ben Russell über sein Glück und der Freude in der Sexarbeit tätig zu sein, seine Zuneigung zu Menschen, die selbstbestimmt eine Begegnung mit ihm suchen, aber auch über die aufreibende Auseinandersetzung mit den vielen gesellschaftlichen Vorurteilen und politischen Vorstößen, die seine Arbeit illegalisieren möchten und die es sogar erforderlich machen, dass er seinen Kundinnen die Angst nehmen muss, etwas an ihnen oder mit ihm müsse falsch sein.
„Nur wenn man anerkennt, dass Sex theoretisch auch ohne Ausbeutung verkauft werden könnte, kann man fragen, warum genau das so selten passiert, auch in den reichsten Gesellschaften der Erde.“
(Laurie Penny: „Fleischmarkt“, 2012)
Soll die Präsenz der potenten Frau unterbunden werden, um weiterhin mit der Geschlechteropposition Macht auszuüben und Frauen auf ihre Verfügbarkeit festzuschreiben? Könnte nicht gerade der statusstärkere Mann in der heterosexuell-männlichen Prostitution die Frau von ihrem Schicksal als Sorgearbeiterin befreien, die sexuelle Dienstleistungen aufwerten und männliche Anspruchsberechtigung und das hierarchische Gewaltsystem abschaffen?
„Der größte Sex-Mythos, den es gibt, ist, dass es sexuelle Gleichberechtigung gibt. Wir leben nicht in einer Gesellschaft, in der es sexuelle Gleichberechtigung gibt.“
(Ben Russell)
Viele Frauen, berichtet Ben, merken gar nicht, dass ihnen etwas abgeht, weil es ihnen nicht erzählt werde und sie selber nicht darüber nachdenken, dass Sexualität ganz stark an der Lust des Mannes ausgerichtet ist. Andere wiederum merken, dass ihnen etwas fehlt, dass sie Sex gerne anders hätten und sie suchen deswegen nach sexueller Bildung, interessieren sich für die Sexarbeit oder gehen in den Aktivismus, was sehr wichtig sei, denn nur so ließe sich sexuelle Gleichberechtigung wirklich herstellen.
„Das, was mich am meisten nervt, sind die gesellschaftlichen Umstände, und wie sich das auf meine Kundinnen auswirkt, weil für viele Kundinnen ist das ein ganz großes Thema und es erfordert sehr viel Mut auf mich zuzugehen, nicht nur weil es um ihre eigene Sexualität geht, sondern weil sie gegen diese ganzen Erzählungen ankämpfen müssen, dass Frauen sich so etwas nicht leisten können oder dürfen.“
(Ben Russell)
Ben hat eine Weiterbildung zur Sexualbegleiter*in absolviert, um besser auf Menschen mit Behinderung und Beeinträchtigung und deren Umfeld eingehen zu können. Die Unterscheidung zwischen Sexualbegleitung, die auch Sex inkludiert, und der Sexualassistenz, in der man nur Hilfe zur Masturbation oder Unterstützung für den Sex mit einem Partner leistet, hält er für ein manipulatives gesellschaftliches Unterfangen, eine „gute“ und damit geduldete Sexarbeit von der „schlechten“ und moralisch verwerflichen zu trennen.
„Ich habe überhaupt kein Problem mit dem Vokabular für weibliche Prostitution und kann das gerne für mich annehmen, weil ich mich nicht anders oder besser fühle.“
(Ben Russell)
Zusammenfassend ist es gerade die politische Arbeit, die Ben angesichts fehlender Gleichberechtigung in der Sexarbeit tätig werden lässt. Es ist ihm ein großes Anliegen neben dem Spaß und der Veränderung, die die Begegnungen mit Menschen bei ihm und seinen Kundinnen auslösen, die Sichtbarkeit und Akzeptanz für das Sexkaufangebot für Frauen zu stärken, was in einer Welt, in der die Heterosexualität auf die Interessen des Mannes ausgerichtet ist, enorme Auswirkungen auf eine gerechtere Welt hätte.

