Suchtprozesse

„Wir leben in einem System, das auf Illusionen aufgebaut ist, und wenn wir unsere eigenen Wahrnehmungen äußern, wird uns gesagt, wir würden die Realität nicht verstehen. Wenn Realität Illusion und Illusion Realität ist, ist es kein Wunder, dass wir uns verrückt fühlen.“
(Anne Wilson Schaef: „Meditations for Women Who Do Too Much“, 2004)

Die Emanzipation der Frau hat nie stattgefunden

Nach der formalen Gleichstellung, den männerschonenden Kampagnen zur Bewusstseinsbildung, der Gleichbehandlung nach der Logik der Meritokratie, der karzeralen Intervention des Staates bei geschlechtsbezogener Gewalt und all dem neoliberalen Brainwashing zur Selbstoptimierung opfert sich die Frau noch immer für den gesellschaftlichen Respekt auf, der die kapitalistische Entwertung ihrer Arbeit wettmachen soll. Anstelle die Sorgeverantwortung des Mannes nachzuschärfen, die ökonomischen Verhältnisse zu ändern, die innerhäusliche Arbeit der Frauen zu entlohnen, die Infrastruktur zu verbessern und die Produktionsmittel zu vergesellschaften, wurde der Frau zusätzlich zu ihren unbezahlten Liebestätigkeiten berufliche Zuständigkeiten, politische Repräsentation und gerechtigkeitsschaffende Pflichten aufgebürdet, so dass sie nicht nur in einem nie gekannten Ausmaß ausgebeutet und abgewertet wird, sondern dass auch die Spaltung unter den Frauen selbst größer als jemals zuvor ist.

„Der Mann begehrt, die Frau wird begehrt… Der Unterschied von damals zu heute ist jedoch, dass die Frau, die zum Objekt des Begehrens wird, sich in dieser Rolle mächtig fühlt. Alle Blicke ruhen auf ihr, sie ist verführerisch, sie ist bedeutungsvoll, sie ist jemand.“
(Sandra Konrad: „Das beherrschte Geschlecht“, 2019)

Sucht als fortschreitende Krankheit

So wenig Frauen aus ihrer sexuellen Versorgerrolle getreten sind, so wenig hat sich etwas an ihrer Hauptzuständigkeit in der Kinderbetreuung und der restlichen Sorgearbeit getan. Sie biedern sich männlichen Sichtweisen an, verschreiben sich ihrem Fairnessgelöbnis, profilieren sich als Gerechtigkeitsfanatiker und optimieren sich bis zur Selbstverstümmelung, um vom höher positionierten Geschlecht Anerkennung zu erlangen. Ihnen wird das Fiasko ihrer Domestizierung in Form der exklusiven Langzeitbeziehung zu einem Mann, in der sie co-abhängig seine Probleme regeln, als Krönung eines Frauenlebens aufgetischt. Es entspringt dem Kalkül der Geschlechterapartheid, dass sich die Frau mit ihrer Kümmerexistenz anfreundet und sogar Genuss daraus zieht, wenn ihre Liebesdienste für die Aufrechterhaltung männlicher Autonomie unabkömmlich werden. Für die patriarchal geprägte Frau wird das Streben nach Erfüllung des männlichen Wunschbildes zur Bewältigungsstrategie der Gefallsucht, in deren Verlauf sie ihren Opferstatus in jenen der heldenhaften Märtyrerin transformiert.

„Frauen sind seit Jahrhunderten Multitasking-fähig, doch mit einem neuen Etikett kann man sich täuschen lassen und glauben, es handele sich um ein neues Phänomen. Und die Illusion eines neuen Phänomens ermöglicht es uns, den Druck langfristiger ungelöster Probleme zu leugnen. Tatsächlich wäre es interessant, über die vielen Auswirkungen des Phänomens der Umbenennung zu spekulieren, durch die etwas, das traditionell destruktiv war, zu einem neuen Problem wird. Zu viel zu tun ist kein neues Phänomen und weiterhin ein Problem, mit dem wir Frauen jeden Tag konfrontiert sind.“
(Anne Wilson Schaef: „Meditations for Women Who Do Too Much“, 2004)

Die Rückkehr ungelöster Probleme

Nach der Abmilderung einiger patriarchaler Symptome kann der gegenwärtige antifeministische Backlash als Rückfall nach einer kurzen partiellen Remission einer fortschreitenden Krankheit definiert werden. So erfüllt die Vergewaltigung in der Ehe seit nicht allzu langer Zeit einen Strafbestand und die Abreibung wurde unter bestimmten Bedingungen für straffrei erklärt. Nach einer gewissen Zeit der Symptombesserung nimmt das kranke System seinen destruktiv-progressiven Verlauf wieder auf, in der es zu Rezidiven im Krankheitsverlauf kommt. Dazu gehören die Intensivierung des Zugriffs auf Frauen, die Legitimierung des Männlichkeitswahns, Körper- und Gefühlsfeindlichkeit, Konsumismus, Ausbau der Überwachung und Kontrolle, Aushöhlung gemeinschaftlicher Ressourcen, Vergrößerung der Armutsschere und die rhetorische Verschleierung der Frauenunterdrückung wie sie sich in der Verdrängung alles Weiblichen und der Beseitigung der Kategorie „Frau“ aus der Sprache manifestiert.

„Wenn wir an Frauen denken, fällt uns der Begriff Abhängigkeit ein, und tatsächlich sind Frauen darauf programmiert, nach suchterzeugenden Beziehungen zu suchen und darin aufzugehen.“
(Anne Wilson Schaef: „Im Zeitalter der Sucht“, 1989)

Gleichbehandlung nach der meritokratischen Logik

Obwohl angeblich so immens viel (Erwerbsarbeitszwang, formale Gleichstellung, Anpassung an das männliche Suchtsystem) auf dem langen Weg der Frauengleichstellung erreicht wurde, haben Frauen keinerlei Machtzuwachs erfahren. Dass die Diskriminierung und der Sexismus subtiler geworden sind, kann getrost der Verbesserung des Vermeidungsverhaltens und der typisch süchtigen/patriarchalen Realitätsverweigerung zugeschrieben werden. Wurden Frauen früher als Huren beschämt, wenn sie ihre dienende Sklavenmentalität ablegten oder als Hexen verfolgt und diffamiert, wenn sie sich nicht kolonisieren und enteignen lassen wollten, reicht es heute für die Genese neuer Frauenschimpfwörter aus, eine eigene Meinung zu haben, Fraueninteressen zu verteidigen oder die Weigerung, sich co-abhängig auf die Probleme anderer zu stürzen. Zur Aufrechterhaltung des Status quo existieren Narrative, die alle etwas mit der verzerrten Wahrnehmung und der Geisteskrankheit eines Süchtigen zu tun haben.

„Das Suchtsystem könnte ohne seine Co-Abhängigen nicht bestehen. Denn sie sind das Fußvolk, das es trägt; sie sind seine Fürsprecher und Beschützer. Sie wollen gut sein, und sie wollen gemocht werden; sie möchten nicht ausgeschlossen sein; und diese Motive üben eine derartige Macht über sie aus, dass ihnen stets Priorität vor jedem eigenen Urteil eingeräumt wird.“
(Anne Wilson Schaef: „Im Zeitalter der Sucht“, 1989)

Billiges Dopamin

Süchtige Verhaltensweisen (Medien, Porno, kaufen, anhäufen, überarbeiten) als Bewältigungshelfer sind unser Versuch einer Milderung der Symptome der vom System verursachten Krisen, mit denen es sich erhält und ständig reproduziert. Wir fühlen uns nur noch lebendig oder spüren Erleichterung, wenn wir uns etwas verabreichen, seien es Substanzen, Aufregung oder Stress. Unsere Abhängigkeiten sind aber nur Sekundärkrankheiten als Reaktion auf die zerstörerische Wirkung des gesellschaftlich integrierten Suchtprozesses, der uns zur Anpassung an ein lebensfeindliches System zwingt. Wegen des Angriffs auf unsere Realität, Wahrnehmung und Erfahrung und der Abspaltung von unseren Gefühlen werden wir so bedürftig, dass wir durch die Akzeptanz, die wir von institutioneller Seite oder statushöheren Menschen bekommen, süchtig nach äußerer Validierung werden. Sobald wir nicht mehr genug leisten und konsumieren und uns die Bestätigung unterschlagen wird, sorgen Schamgefühle dafür, dass wir uns wieder in das Suchtsystem integrieren und dabei immer unehrlicher mit uns selbst und anderen werden.

„Essen ist die bevorzugte Droge von ‚Kümmerern‘ wie Pflegekräften und Müttern. Genau deshalb wird die Esssucht als jämmerlichste Sucht überhaupt angesehen. Außenstehende haben kaum mehr als Verachtung dafür übrig, dass Esssüchtige ihr Leben gegen die Wand fahren, während sie gleichzeitig voll funktionstüchtig bleiben: Sie gönnen sich eben nicht den ‚Luxus‘ einer Droge zu verfallen, die ihren Verstand vernebelt, sie nutzlos oder zur Last macht. Stattdessen greifen sie zu einer Methode der Selbstzerstörung, die unauffällig und langsam ist und niemanden belästigt.“
(Caitlin Moran: „How to Be a Woman“, 2012)

Das Phänomen der Neubenennung

Damit der Schein gewahrt bleibt, wappnen wir uns mit suchttypischen Rationalisierungen und einem rhetorischen Beschiss, der alles Dysfunktionale durch einen regulierten Sprachgebrauch verschleiert. Wir nennen die Männerplutokratie eine Demokratie und Technologien, die uns in die digitale Isolation führen „soziale Medien“. Die Überforderung der Frau wird mit der Fähigkeit des „Multi-Taskings“ als neues Phänomen uminterpretiert und positiv besetzt. Mit der Erosion der weiblichen Bezeichnungen für die Sichtbarmachung privater Identitätsbekenntnisse, der den Frauen obliegenden Anrufung anderer Geschlechter und den geschlechtsneutralen Alleinerzieher*innen wird auch die Deklassierung der Frau und die unbezahlte Hausarbeit der Frauen sukzessive aus dem Diskurs entfernt, damit sie leichter auf andere ausgelagert werden kann, die schlecht bezahlt und ausgebeutet Steuern und Sozialbeiträge zahlen. Dass sich der Kapitalismus mittels Reformen reparieren möchte, ist mit dem verdrehten Denken des Alkoholikers vergleichbar, der immer wieder erfolglos versucht, kontrolliert zu trinken und seine Umgebung solange von seinem Zustand ablenkt, bis er sich in die totale Zerstörung manövriert hat.

„Alkohol, Antidepressiva und andere stimmungsverändernde Drogen, die dem Staat viel Geld einbringen, ersetzen eine symptomatische Therapie, die die Krankheit beseitigt, nicht aber deren Ursache. Es nimmt dem stumpfen, düsteren Dasein den Schmerz für eine kurze Zeit und bringt ihn dann mit doppelter Wucht zurück. Drogen ersetzen nicht nur positive Handlungen, die sich an die Wurzel unserer Verzweiflung richten – sie verhindern sie, da mehr Energie darauf gezielt wird, den Zustand des Rauschs zu erreichen und sich anschließend wieder von ihm zu erholen.“
(CrimethInc.: „Anarchismus & Alkohol“)

Süchtigmachen als Herrschaftsform

Unsere Süchte sind Überlebensstrategien, mit denen wird uns an die kapitalistische Systemanforderung adjustieren und seelischer Einsamkeit entfliehen. Die neoliberale Disziplinarmacht bedient sich der Suchtprozesse, mit denen die Individuen auf sich selbst einwirken und über ihre Schamgefühle an der Produktion von Systemkonformität mitwirken. Süchtigmachen ist eine Herrschaftsform, die nicht auf Gewalt und Unterdrückung beruht, sondern auf einer kulturell erzeugten Akzeptanz von Suchtprozessen, die Körperdisziplinierung, Nutzenmaximierung und Produktivitätssteigerung mit Substanzen und zwanghaftem Verhalten als persönliche Wahlfreiheit zur Aufrechterhaltung der Beschäftigungsfähigkeit übersetzt. In diesem Verständnis sind Michel Foucaults Techniken der Selbstregulierung nichts weiter als unsere persönlichen Suchtprozesse, die jeder von uns in einem dysfunktionalen System entwickelt und die uns immer stärker von unserem wahren Selbst und unseren Werten distanzieren, sodass wir uns nicht mehr an der Erfüllung unserer Grundbedürfnisse nach Nähe, emotionaler Offenheit und sozialer Teilhabe orientieren, sondern an der Anhäufung von Macht, Prestige oder Geld und uns im Konsumismus erschöpfen.

„Das Suchtsystem weist dieselben Züge auf wie der einzelne Alkoholiker oder Süchtige. Und da wir alle in diesem System leben, trägt jeder einzelne von uns diese Züge, e sei denn, wir vollziehen als Teilschritt unserer Genesung einen Systemwechsel.“
(Anne Wilson Schaef: „Im Zeitalter der Sucht“, 1989)

Im Zeitalter der Sucht

Die amerikanische Psychologin Anne Wilson Schaef hat unsere Gesellschaft als Suchtsystem beschrieben, in dem die zwanghaften Verhaltensmuster von Workaholics, Careaholics, Rushaholics und Busyaholics Ausdruck unserer zerstörerischen und krankmachenden Normen sind. Eigenschaften wie Gefühlsstarre, Perfektionismus, Außenorientierung oder Nettigkeit, die emotional unterdrückte und auf Leistung und Konsum konditionierte Menschen aufweisen, sind im Suchtsystem hoch angesehen. Suchterzeugende romantische Beziehungen gelten besonders für Frauen als erstrebenswerte Zielvorgabe ihres Daseins. Die Abhängigkeit von chemischen Substanzen gehört zur Normalität ebenso wie Co-Abhängige, die die Emotionen ihrer Anvertrauten managen, ihre Sucht abschirmen, deren Probleme lösen und dabei stets dafür sorgen, die Fassade aufrecht zu erhalten. Dabei wird das Drama, der Schmerz und das Leiden in süchtigen Beziehungen zur unverzichtbaren Ausrichtung so wie die Krisen, Kriege und ein kurzes Abklingen der Symptome in der Phase des Wiederaufbaus zu den Merkmalen des Kapitalismus zählen.

„Eine Diskussion zum Thema ‚süchtiges Funktionieren‘ wäre nicht vollständig, würde man dabei die Rolle des Co-Abhängigen unberücksichtigt lassen … Die Unehrlichkeit des Co-Abhängigen neigt eher dazu die Dinge zu beschönigen, anstatt auszusprechen, was er wirklich fühlt … Man will ja nicht die Gefühle des anderen verletzen.“
(Anne Wilson Schaef, Diane Fassel: „Suchtsystem Arbeitsplatz“, 1994)

Das Individuum trägt das Suchtsystem in sich

Wir alle tragen die gestörten Denkprozesse des kapitalistischen Patriarchats in uns und weisen dieselben Züge auf wie der einzelne Alkoholiker oder Suchtkranke, der aus diesem Suchtsystem hervorgeht. Niemand muss aktiv Drogenmissbrauch betreiben, um die kontrollierenden und selbstbezogenen Verhaltensweisen eines Drogensüchtigen zu zeigen, die Ausdruck der destruktiven Strukturen der Suchtgesellschaft sind. Ohne die Arbeits- und Leistungssucht, auf die sich unser Maskulinitätskonzept stützt, und mit der die Menschen ihre Schamgefühle des Nicht-genug-Seins bewältigen, ließen sich kapitalistisches Wachstum, Expansion und zunehmende Umweltzerstörung nicht fortführen. Menschen, die ihre Suchterkrankung leugnen, nicht aus persönlicher Erfahrung sprechen und einen nicht-partizipatorischen wissenschaftlichen Ansatz verfolgen, können nur Teilaspekte oder einzelne psychiatrisierte Symptome des Gesamtproblems sehen wie Depressionen oder Angstzustände, aber nicht den lebensfeindlichen Kurs eines tief in der Gesellschaft verankerten Suchtprozesses, der in uns das Suchtverhalten auslöst. Im Folgenden seien einige Merkmale und Begleiterscheinungen des patriarchalen Suchtsystems wie ich sie wahrnehme und deren Entsprechungen auf der individuellen Ebene gegenübergestellt:

„Wer nie gelernt hat zu vertrauen, verwechselt Intensität mit Intimität, Besessenheit mit Fürsorge und Kontrolle mit Sicherheit.“
(John Bradshaw: „Homecoming“, 1992)

  • Analysen: Frauen weisen eine höhere interhemisphärische Interaktion auf, im Neokortex zeigt das männliche Gehirn 15,5% mehr Neuronen, wobei die kortikale Komplexität … = Meine Mutter hat mich nicht gestillt, mein Vater war schizophren, meine Großmutter traumatisiert vom Krieg. Das ist der Grund, warum es nicht anders geht.
  • Ausbeutung: Erhöhung des Pensionsantrittsalters, Arbeit auf Abruf, Null-Stunden-Verträge etc. = Wenn ich mir noch ein paar Kaffees und Energydrinks hinter die Binde kippe, kann ich locker bis Mitternacht durchmachen.
  • Außenorientierung: Ein feministisches Zugeständnis (Lohn für Hausarbeit) brächte nach all den Jahren nur Irritation. Können wir uns diese Blamage überhaupt leisten? = Ich kann keine Entgiftung machen. Was werden sich denn die anderen denken?
  • Beschäftigtsein: Zuerst müssen wir uns um die Klimakrise kümmern, die Migration, die Arbeitslosigkeit … = Ich muss zuerst mein Buch fertig schreiben, den Schreibtisch aufräumen, meiner Cousine helfen, etwas über den Kalten Krieg recherchieren – danach kümmere ich mich um mein Suchtproblem.
  • Denkfehler: Frauen sollen sich einfach für besser bezahlte Arbeit entscheiden. Fakt: Jobs werden durch einen höheren Frauenanteil entwertet. Der Markt belohnt nicht die produktivste Arbeit, sondern die prestigeträchtigste und reproduziert die bestehenden Machtverhältnisse. = Die Säufer sind selbst schuld an ihrer Armut, wenn sie alles versaufen. Fakt: Armut bedingt Sucht.
  • Dosissteigerung: Wenn die Frau schon zu Hause beim Kind ist, kann sie auch gleich die Hausarbeit übernehmen. = Sex und Poppers, Formel 1 und Bier, Schnaps und Zigarre, Koks und Überarbeiten, Kuchen, Kaffee und Schlagobers (Mischkonsum).
  • dualistisches Denken: Wenn wir Männer als Täter adressieren, machen wir Frauen dadurch zu unschuldigen Opfern oder tun so, als ob Männer nicht Opfer werden könnten, weswegen wir lieber von „Gewalt in der Familie“ sprechen. = Wenn ich meinen süchtigen Partner verlasse, dann kann ich auch nicht mehr co-abhängig sein und bin mein Problem los.
  • Entschuldigungen: Schatz, ich würde ja gern mehr Sorgearbeit übernehmen, aber … = Ich würde ja gern weniger trinken, aber bei meinen Depressionen, Ängsten, dem ständigen Stress …
  • Entweder-oder-Denken: Entweder du arbeitest 40 Stunden pro Woche und bist ein vollwertiger Teil der Gesellschaft oder du bist arbeitsunfähig, ein Sozialfall und musst Arbeitstrainings absolvieren. = Entweder mein zukünftiger Partner ist fehlerlos und gibt mir bedingungslose positive Zuwendung oder ich traue niemandem mehr und bleibe allein.
  • Falschheit: Wir müssen mehr in Bildung investieren, um den armen Menschen zu helfen, und die Kinderbetreuung erweitern, damit die Frauen nicht in der Altersarmut enden. = Ich lebe jetzt schon seit drei Monaten abstinent und nehme nur noch Medikamente, die mir vom Arzt verschrieben wurden und die so unbedenklich sind, dass ich sie ein ganzes Leben nehmen darf. Von den Pillen kann ich keinen Entzug bekommen. Man entwickelt maximal ein mildes Absetzsyndrom.
  • Gegenüberstellung: Irrtümliche Deutung des Matriarchats als Frauenherrschaft als Pendant zum Patriarchat, Sexismus gegen Männer als Pendant zur systemischen Unterdrückung von Frauen, z. B. Wehrpflicht oder Gewalt gegen Männer und andere von Männern verursachte Kollateralschaden der patriarchalen hierarchischen Geschlechterspaltung als gleichwertige Entsprechungen zur historischen Degradierung und Inbesitznahme von Frauen, ihrer Sexualität und Arbeitskraft.
  • Illusionen: In Zukunft umsorgen uns Carebots und Begleitroboter. Wenn es genug Betreuungsstätten gibt, emanzipiert sich die Frau. = Wenn ich ihm stundenlang zuhöre und dann einen blase, mag er mich und will mich nicht mehr verlassen.
  • Kriminalisierung: Wir brauchen drakonische Strafen für Vergewaltiger. Die gehören alle lebenslang weggesperrt. Blöd nur, dass die Frau dann kein Einkommen mehr hat und mit ihren Kindern in Armut lebt. = Härtere Strafen für Drogendealer und die versoffenen Obdachlosen und Giftler, die eine Zumutung für das Stadtbild sind.
  • Krisenorientierung: Bei der geopolitischen Lage müssen wir unbedingt aufrüsten und in das Bundesheer investieren. = Wenn ich heute Nacht wieder nicht schlafen kann, bin ich morgen unkonzentriert, verliere die Kontrolle über den Wagen, verursache einen Unfall, gefährde meine Kinder, verliere die Beherrschung, streite mit meinem Chef, der mich dann kündigt …
  • Manipulation: Aufbau von moralischen Druck auf den Feminismus durch den Verweis auf marginalisierte Minderheiten, damit er implodiert und die Frauenbefreiung zugunsten der Verbreitung eines neuen Geschlechtsverständnisses einstellt, anstatt das Grundübel der Misogynie zu bekämpfen. = Wenn ich zusätzlich rauche und kiffe, ergibt es keinen Sinn, nur mit dem Trinken aufzuhören, obwohl die Abstinenz von der individuell destruktivsten Sucht den Ausgangspunkt der Genesung bildet.
  • Merkbefreitheit/Vergesslichkeit: Wir müssen unbedingt in Waffen investieren und lassen uns die Kriegsvorbereitung nicht vermiesen. = Ich könnte mich gar nicht erinnern, dass der letzte Hangover (niedlicherweise „Kater“) so schlimm gewesen ist.
  • Messen, Quantifizieren: Der Gender Pay Gap beläuft sich auf 18,7%, auf 12,3%, auf 37% etc. = Ich trinke nur Pils oder Lager, kein Weizen- oder Bockbier, nichts über 14 Volumenprozent Alkoholgehalt, nie mehr als zwei Gläser, wenn mehr, dann faste ich 10 Tage, 2 Wochen, 3 Monate (Kontrollwahn).
  • Negativität und Projektion: Feministinnen verabscheuen Männer, übersehen dass auch Männer leiden und spielen sich als Opfer auf. = Bei dem Wahnsinn überall muss man sich ja zu Tode saufen. Mein Kind daddelt nur am Handy, hat zu wenig Freunde, kann seine Gefühle nicht ausdrücken, isst zu viel Süßes …
  • Nicht-genug-Denken: Matura, dann Studium, nebenbei Arbeitserfahrung, danach Praktika, Auslandsjahr, Fremdsprachen, Rhetorikkurs und Typberatung. = Zuerst die Hollywood-Schaukel im Garten, dann der Profi-Griller, jetzt kommt der Swimmingpool, zu Weihnachten der Wintergarten mit Jacuzzi, nächstes Jahr die zweite Garage und der Partykeller.
  • Nullsummen- und Mangeldenken: Wenn sich Frauen nur für Frauen einsetzen, dann heißt das, dass ihnen die Probleme anderer egal sind. = Sicherheitshalber kaufe ich mir auch das zweite Paar Schuhe. Wer weiß, ob ich nächstes Jahr noch Geld dafür habe.
  • Paternalismus: Kinder müssen vor Gewalt, Drogen und sexuellem Missbrauch geschützt werden. = Ich würde mein Kind nie Zigarettenrauch und zu viel Sonne aussetzen. Süßigkeiten, Plastik, Junkfood, Videospiele, Gendermarketing, geschlechtsspezifische Erwartungen und digitale Isolation sind aber OK und aus meiner toxischen Beziehung kann ich mich auch nicht befreien.
  • Rationalisierungen: Frauen sind einfach emotionaler und können das besser. = Ich bin einfach schlechter dran als andere, arbeite permanent und möchte mich auch einmal belohnen oder einfach genießen.
  • Schwarz-Weiß-Denken: Zwei Weltkriege hatten wir bereits. Ein dritter ist so gut wie unvermeidbar. = Den Führerschein und meine Familie hab ich mir schon versoffen, die Zirrhose lässt grüßen. Jetzt kommt es auf den Leberkrebs auch nicht mehr an.
  • Schutz des Drogenvorrats: Wen wir uns genügend Waffen anhäufen, um die Wirtschaft anzukurbeln, müssen wir sie wohl oder übel auch einmal verwenden. = Ich geh nur ein bisschen in das Einkaufszentrum zum Schauen und Gustieren.
  • Semmelweis-Reflex: das gesellschaftliche Bedürfnis peinliche Wahrheiten wie die reproduktive Unterforderung des Mannes zu leugnen und die reflexhafte Ablehnung der verpflichtenden Väterkarenz und „Halbe-Halbe“ im Haushalt, obwohl eine Reduktion der Gewalt durch eine ausgewogene Sorgebeteiligung nachgewiesen ist. = Fleisch ist gesund, Rotwein reduziert Zellschäden und Bier hilft bei Depressionen.
  • Spaltung und gegeneinander Ausspielen: Die Mütter, die arbeiten (erwerbstätig) sind, gehören unterstützt. Die anderen sind ja nur daheim und verprassen das Geld ihrer Männer. = Ich kann gar nicht süchtig sein, solange XY noch viel mehr trinkt und seine Kinder schlägt. Nur die Sandler sind echte Alkoholiker, aber unsereins finanziert das Sozialsystem.
  • Suchtverlagerung: Techno- und Mediensucht (vom Netzfeminismus zum Social-Media-Burnout) = Seitdem ich nicht mehr trinke, rauche ich Cannabis, überesse ich, streame ich Serien, betreibe ich Cyberstalking …
  • Symptompolitik: Pinkwashing wie das Anbringen von Notrufnummern und „präventiven“ Botschaften gegen Gewalt auf Plakaten und Kassenbons von Unternehmen als Ersatz für die (faire) Entlohnung von Frauen. = Vermutlich habe ich ein Alkoholproblem. Deswegen mache ich viel Sport und trinke nur Wein aus biologischer Landwirtschaft.
  • Toleranz gegenüber Wahnsinn: Politiker müssen lügen und ihr Fehlverhalten dementieren, sonst würden sie ja die Unterstützung ihrer Partei und Wähler verlieren. Zuerst enteignen wir die Menschen, dann plündern wir ihre Bodenschätze, zetteln einen Krieg an und zuletzt verticken wir ihnen unsere Kredite. = Wenn diese Tabletten sogar Kindern verschrieben werden, dann kann ja an meiner Dosierung nichts falsch sein. Wenn ich mir meine Leber versoffen habe, saufe ich auf der Niere weiter.
  • Umbenennung: „Hausarbeit“ orientiert sich viel zu sehr am herkömmlichen Arbeitsbegriff. Eigentlich sind das Care-Tätigkeiten oder man sagt Lebenssorge dazu. = Schatz, ich wollte dir nicht weh tun, ich hatte einfach so Angst, dich zu verlieren!
  • Unehrlichkeit: Die militärische Aufrüstung ist völlig alternativlos, auch die Einschränkung des Sozialstaats. Es geht schließlich um den Schutz und die Sicherheit der Bevölkerung. = Schatz, ich wollte nur das Beste für dich!
  • Verantwortungsdelegation: Veränderung muss von der nächsten Generation kommen. Dafür bin ich schon zu alt. = Der Arzt soll mir ein besseres Medikament verschreiben, mein Therapeut ist für die Fisch, hätte Mama mich nicht so früh abgestillt …
  • Vereinnahmung feministischer Argumentation: Wir sind gegen Lohn für Hausarbeit, damit die häusliche Rolle der Frau nicht zementiert wird (ungeachtet der Tatsache, dass ihre Institutionalisierung als Frauenarbeit längst abgeschlossen ist), stattdessen sollen sich Frauen einfach nicht mehr verantwortlich dafür fühlen. = Abstinenz ist zu krass und genussfeindlich. Ich versuche es trotz tausendfach gescheiterter Versuche lieber mit kontrolliertem Trinken.
  • Verdrehte Logik: Zuerst versiegeln wir alle Grünflächen und ballern Treibhausgase in die Luft, dann retten wir uns mit Geo-Engineering und befördern Aerosole mit Flugzeugen in die Stratosphäre zur Hitzereduktion. = Wenn nichts mehr geht, häng‘ ich mir einen um und sauf‘ mich knülle (Selbstzerstörung als Lösung).
  • Vergleiche: Woanders werden Frauen mit Säure übergossen oder gesteinigt, die Witwen verbrannt, die Mädchen abgetrieben. = Die Nachbarin hat in der Schwangerschaft geraucht, ihr Mann kifft neben den Kindern. Die Tochter von Frau Meier ist gleich alt wie du, verdient schon eigenes Geld und hat ein eigenes Auto.
  • Verleugnung: Bei den Jungen hat sich schon viel geändert. Wir leben längst im Postpatriarchat. = Solange ich noch einen Job habe, bin ich kein Alkoholiker. Ich lebe jetzt einige Zeit abstinent und dann lass ich mir meine Leberwerte durchchecken.
  • Vermarktung/Kooptierung ins System: Wir erfinden jetzt ein neues Müllsystem und erneuern alle Biotonnen zur Erhaltung des Beschäftigungsstandorts. Wenn Migrantinnen die unbezahlte Arbeit unserer Mütter erledigen, dann können alle mehr erwerbsarbeiten und Steuern zahlen. = Zuerst mach‘ ich eine Hypnotherapie, dann lass ich mir vom Guru meine Chakren durchpusten und im Spätsommer flieg ich nach Peru zum Ayahuasca Retreat. Ich fress‘ mich an, dann schluck‘ ich Lipasehemmer und im Frühjahr geh‘ ich zur Fettabsaugung. Wer viel arbeitet, hat auch Anspruch auf Kuraufenthalte und Erholungsurlaube.
  • Verrohung: Steuern hinterziehen, Güter horten, Nahrungsmittel vernichten, Zeltsiedlungen zerstören … = Auf den Ehebruch folgt die Steinigung. Herumflennen machen nur Memmen. Sei kein Mädchen! Mit einem weiteren Schnaps spürst nichts mehr.
  • Verschleierung: Verkauf des patriarchalen Gewaltsystems als Demokratie, obwohl es eine männliche Plutokratie und Mehrheitsdiktatur ist. = Die Ehe ist die Knechtschaft der Frau, wird aber als Romantik dargestellt, Liebe lässt sich mit Verblendung übersetzen, Fastfood ist in Wirklichkeit Gift, das als Essen verkauft wird, Porno Einsamkeit, die als Sex vermarktet wird, Video Games sind Isolation, die als Spiele verscherbelt werden, die Likes auf Social Media jubelt man uns als Freundschaft unter.
  • Zukunftsversprechen: Schon im Jahre XY haben wir die Gleichstellung erreicht. = Morgen trink ich weniger/hör mit den Junkfood auf/bestelle ich nichts mehr im Internet.

„Für viele Frauen besteht die einzig mögliche Linderung der Unterdrückung, unter der sie leiden, in Fantasien, in einer Leugnung dieser Unterdrückung, da sie ihr in der Realität nicht entkommen können. Diese Leugnung führt dazu, dass sie die Relevanz des feministischen Kampfes für sich selbst nicht akzeptieren wollen.“
(Christine Delphy: „Close to Home“, 1984)

Was ist die Genesung vom patriarchal-kapitalistischen Suchtsystem?

Nur die Ablehnung patriarchaler und kapitalistischer Strukturen inklusive der Abkehr von ideologischen Staatsapparaten führt in die Freiheit. Bildung, Kernfamilie, Bürokratie, Arbeitsideologie, Medizin und Medien sind Institutionen, die uns an ein süchtiges Erfolgsversprechen binden und autoritäre Herrschaftsstrukturen erhalten. Die Genesung von konsumorientierten Denken und der Abhängigkeit von bewusstseinsverändernden Substanzen und Verhaltensweisen, die mich von meinem inneren Informationssystem entfernen und in die Destruktion und Veränderungsresistenz führen, führt uns aus dem Gewaltsystem. Alles was dafür nötig ist, ist eine liebevolle Einstellung meiner Suchterkrankung gegenüber, die bloße Bereitschaft zu einer Wesensänderung und die Partizipation in Gemeinschaften, in denen die wechselseitige Lebenssorge zur Priorität erhoben wird. Kurz gesagt: Widerstand, die Befreiung von unerwünschten Abhängigkeiten, Anarchie und der Aufbau von egalitären Sorgegemeinschaften.

„Unfähig zum Kontakt mit Menschen und zur Liebe ist der Mann zur Arbeit verurteilt.“
(Valerie Solanas: „SCUM Manifest“, 1967)

Die Emanzipation des Mannes aus seiner reproduktiven Unterforderung

Zur Gleichstellung mit der Frau und zur Prävention vor jeder weiteren Spaltung ist es notwendig, dass Männer in weibliche Lebensrealitäten eingebunden werden. Das allerdings kann nur gelingen, wenn der Mann von seiner Sucht nach beruflicher Anerkennung, der Selbstbestätigung am Konferenztisch, von seinem Souveränitätsdenken, seiner emotionalen Verpanzerung und seiner Weiblichkeitsabwehr befreit wird. Auf einer systemischen Ebene bedeutet das den Abschied vom patriarchalen Narrativ der Allwissenheit, Logik und Absolutheit, mit dem sich die Herrschaft des Mannes über die Frau, die Natur und andere Völker begründet. Gewalt und Kriege enden, wenn Männer sich paritätisch in der Lebenssorge beteiligen, anstatt in bloßer Abgrenzung zu Frauen ihre »Männlichkeit« spazieren führen. Damit die Gesellschaft von ihrem Männlichkeitswahn befreit wird, muss die Hetzjagd nach Männlichkeitsdefinitionen (healthy, toxic, caring, critical masculinities) eingestellt und durch ein Programm der tatkräftigen Sorgebeteiligung ersetzt werden, das sich jeder Form der Privilegierung oder Differenzsetzung versagt.

„Leider erfüllen weder die klassischen noch die modernen Therapien ihren eigentlichen Zweck. Sie heilen die Menschen nicht. Statt dessen begünstigen sie die Co-Abhängigkeit und bereiten die Anpassung des Menschen an die Suchtgesellschaft vor. Sie lindern nicht das Problem; sie erhalten es.“
(Anne Wilson Schaef: „Im Zeitalter der Sucht“, 1989)

Die Paralysierung des Patienten

Das medizinische System ist Teil des Suchtsystems, weil es Menschen in Abhängigkeiten führt und mit seinen Schnellreparaturen noch weiter in den Suchtprozess schleust. Ob jemand normal oder verrückt, psychisch gesund oder krank sei, folgt einer willkürlichen Definition und der monopolisierten ärztlichen Befugnis, Gutachten darüber auszustellen. Die Psychiatrie generiert laufend Diagnosen, die allesamt Symptome des Suchtsystems sind, um daraufhin Techniken und Medikamente entwickeln zu lassen, die den Patienten ein Leben lang von professioneller Betreuung abhängig machen. Der Schwerpunkt der therapeutischen Arbeit liegt in der Überwachung störenden Verhaltens und der Kontrolle ablaufender Prozesse, die keine Heilung, sondern Anpassung an das Suchtsystem fördert. Dabei wird der Patient immer mehr von seiner Verantwortung enthoben, bis er in Ohnmacht erstarrt und kein Interesse mehr hat, an einer Gemeinschaft zu partizipieren, die auf wechselseitige Hilfe ausgerichtet ist.

„Früher, als Kirche und Staat verbündet waren, akzeptierten die Menschen theologische Rechtfertigungen für staatlich sanktionierte Zwangsmaßnahmen. Heute, wo Medizin und Staat verbündet sind, akzeptieren die Menschen therapeutische Rechtfertigungen für staatlich sanktionierte Zwangsmaßnahmen.“
(Thomas S. Szasz: „The Myth of Mental Illness“, 1974)

Psychopathologisierung und „Labeling“

Ob Depressionen, Angstzustände, Borderline oder ADHS: Stets liegt das Suchsystem mit seiner medikalisierten Auffassung von Gesundheit zugrunde, die jedes systemische Problem als individuelle Persönlichkeitsstörung interpretiert, um den Patienten in hoheitsvollen Spezialisten-Konsultationen in seine Bestimmung der kapitalistischen Nutzenmaximierung zurückzuführen. Verhaltensweisen, die mit herablassenden Diagnosen als geistige Krankheiten definiert werden, sind nichts weiter als die ganz normalen Begleiterscheinungen eines von Ausbeutung und Zerstörung geprägten Suchtsystems. Heilung für den Patienten wird erst dann greifbar, wenn er einen hoffnungslosen Zustand attestiert bekommt und der Arzt dadurch seinen Zugriff auf ihn verliert. Der Medizinbetrieb ist darauf ausgerichtet, jeden Kranken in einen krisenhaften Zustand zu versetzen, der lebenslanger professioneller Betreuung bedarf. Dabei generiert er am laufenden Band Krisenmanager mit Machtprivilegien, die in ihrer spezialisierten Inkompetenz den Menschen von ihrer Deutungshoheit abhängig machen und in ihrer Konsumentenhaltung fixieren.

„More needs she the devine than the pyhsician… I think, but dare not speak.“
(Shakespeare: „Macbeth“, Act V, Scene 1, 1606)

Zugehörigkeit schaffen

Weder vermag es der Arzt, Lady Macbeths Sorgen aus ihrem Gehirn zu tilgen, ihr Herz zu reinigen noch die Trauer aus ihrem Gedächtnis zu reißen. Das ehrliche Bekenntnis seiner Machtlosigkeit ist kein Zeichen der Verletzung ärztlicher Pflichten, sondern der Patientin Chance Eigenverantwortung und Wohlbefinden durch Eigenreflexion zurückzuerlangen. Die Genesung von der Sucht ist schwierig, weil sie ein integraler Bestandteil der Gesellschaft ist und soziale Zugehörigkeit vermittelt. Indem uns die Sucht von unseren Wahrnehmungen trennt, passt sie uns hervorragend an ein System an, in dem Gefühlsverrohung, Sündenbockideologie und Unehrlichkeit an der Tagesordnung stehen. Eine selbstgenügsame Abstinenz arbeitet der Isolation zu, die der Individuation und sozialen Fragmentierung Vorschub leistet. Deshalb ist das weltweite Unterstützungsnetzwerk der Anonymen 12-Schritte-Gruppen, das sich an Teilhabe und Selbstmotivation orientiert, von großer Wichtigkeit, nicht nur weil es für Identifikation und Handlungsmacht sorgt, sondern auch für kooperative Beziehungen, die sich Marktinteressen entgegensetzen.

„In jedem Lebensstadium werden die Menschen altersspezifisch entmündigt. Die Alten sind das offenkundige Beispiel: sie sind Opfer von Therapien, die gegen einen unheilbaren Zustand verschrieben werden.“
(Ivan Illich: „Die Nemesis der Medizin“, 1975)

Weltweiter Rückhalt in Genesungsgemeinschaften

Wenn der Kulturkritiker Ivan Illich schreibt, dass ein kundiger und gewissenhafter Arzt am besten auf die Natur vertraut und für einen Patienten tut, was auch die Großmutter für ihn getan hätte, dann steckt dahinter weit mehr als eine Samariterhaltung, die praktische Erfahrung einer fähigen Frau oder die leidliche Pfadfinderausbildung einer einzelnen Person, sonders stets auch der Rückhalt einer ganzen Gemeinschaft, der diese Großmutter vorsteht, und der sinnstiftende Platz, den der Kranke in der Gemeinschaft zur Beförderung der Regenerationskräfte anderer einnimmt. Nicht die zur Kontrolle eingesetzten Drogen und medizinischen Technologien machtbefugter Experten heilen die von einer Kultur definierten Krankheiten, sondern der eigene Lebensprozess, der sich in sicheren Orten der Verbundenheit entfaltet und keine Ausrichtung nach festgelegten Zielen kennt.

„Wenn wir genesen wollen, müssen wir einen Systemwechsel herbeiführen. Das heißt, wir müssen uns von Kirchen abwenden, die unsere Spiritualität zu beherrschen versuchen; wir müssen von Schulen Abstand nehmen, die unsere Meinungen und Verhaltensweisen kontrollieren wollen; wir müssen uns von Beziehungen trennen, die durch Kontrollmechanismen bestimmt sind. Wir müssen uns eingestehen, dass unsere Gesellschaft auf einer Illusion aufbaut, nämlich alle Vorgänge und alles Leben unter Kontrolle zu haben. Und wir müssen erkennen, dass das System, in dem wir leben, ein Suchtsystem ist.“
(Anne Wilson Schaef: „Im Zeitalter der Sucht“, 1989)

Die Illusion der Kontrolle

Der Grund, warum die ärztliche Verfügungsgewalt Süchten gegenüber machtlos ist und eine Diagnostizierung vermeidet, ist, dass sie außer einer Symptomverschlechterung wenig dazu beitragen kann, damit der einzelne wieder Verantwortung für sein Leben übernimmt und Genesung in Selbsthilfegruppen findet. Denn gerade der Zerstörung von Gemeinschaften und der Aberkennung der Kompetenz der Erfahrungsexperten verdankt ja der medizinische Betrieb seinen Aufstieg, ohne das es sich nicht zu dieser wachstumsorientierten Industrie entwickeln hätte können. Die Betäubung der Kranken und mechanische Reparatur einiger Symptomträger zementiert die Illusion der Kontrolle derer, die sich durch die Kategorisierung von Krankheiten überlegen und allwissend fühlen, ohne das erkrankte Gewaltsystem oder sich selbst darin als distanzierte Autoritäten zu erkennen.

„Die etablierte Medizin hat sich zu einer ernsten Gefahr für die Gesundheit entwickelt … Die heutige Krise der Medizin wird es dem Laien vielleicht ermöglichen, selbst wieder Kontrolle über die medizinischen Erkenntnisse, Theorien und Entscheidungsprozesse zu erlangen.“
(Ivan Illich: „Die Nemesis der Medizin“, 1975)

Zombieland

Die von Illich beschriebene Krise setzt ein, wenn etwas eine so große Dimension wie das Suchtproblem annimmt, auf das die Medizin bis auf die Überwachung des körperlichen Entzugs keinen gewinnbringenden Einfluss hat. Ob die funktionierenden Alkoholiker oder die systemerhaltenden Co-Abhängigen, suizidale Romanzensüchtige, apathische Medikamenten-Junkies oder vegetierende Untote nach der Betonspritze: Wir alle leben in Zombieland und sind auf unserem Trip in die Selbstzerstörung. Weil die Krankheit unsere Machtlosigkeit verdeutlicht, wird sie gesellschaftlich stigmatisiert und als moralischer Defekt aufgefasst, der den Süchtigen dazu motiviert, sie zu verleugnen. Deswegen ist die Identifikation mit vorurteilslosen Betroffenen und der persönliche Austausch auf Augenhöhe von entscheidender Bedeutung; eine distanzierte Statusbeziehung zwischen Fachmann und Klient in Bezug auf die Entwicklung von Akzeptanz und Verantwortungsgefühl hingegen kontraproduktiv.

„Die Einnahme einer Droge – egal welche und aus welchem Grund – ist die letzte Chance, so etwas wie Selbstkontrolle zu behaupten; selbst auf den eigenen Körper einzuwirken, statt ihn anderen auszuliefern.“
(Ivan Illich: „Die Nemesis der Medizin“, 1975)

Die Anonymen Alkoholiker als soziale Bewegung

In Nordamerika ist die Selbsthilfegemeinschaft der Anonymen Alkoholiker allgegenwärtig und von immenser sozialer Bedeutung. Jedoch widerspricht sie durch ihren Fokus auf persönliche Änderung und ihre Neutralität gegenüber gesellschaftlichen Themen auch Friedens- oder Umweltbewegungen, die jenseits klassenbezogener Interessen einen Wandel durchführen wollen. Obwohl das Programm zur Bekämpfung des ausufernden Eigenwillens eine erhebliche Individuation und Eigenverantwortung voraussetzt, sind die 12-Schritte-Gruppen der Anonymen Alkoholiker und ähnliche nach diesen Prinzipien aufgebaute Vereinigungen ein beispielloser Träger des kommunitaristischen Strangs, der Alkoholismus als Störung des Individualismus betrachtet. Indem die AA das alleinige Streben nach individuellem Wandel mit dem gemeinsamen Wohlergehen übereinstimmt, schafft sie auch die Voraussetzung, um durch ihr tätige altruistische Sorge das patriarchal-kapitalisitische Suchtsystem zu transformieren.

„Es erscheint sinnlos, wenn ein oder zwei Personen aufhören zu trinken. Als würden sie sich von der Gesellschaft (oder zumindest den Gewohnheiten) ihrer Mitmenschen für nichts abkapseln. Aber eine Gemeinschaft solcher Leute kann eine radikale Kultur von nüchternen Abenteuern und Gemeinschaftlichkeit entwickeln … Wie jede revolutionäre Lebensweise bietet auch die abstinente einen sofortigen Einblick in eine andere Welt, während sie dabei hilft eine Rahmen für Aktionen zu erschaffen, die die weltweite Realisierung einer solchen Welt beschleunigen.“
(CrimethInc.: „Anarchismus & Alkohol“)

Suchtgenesung als anarchistische Praxis

Keine andere Vereinigung hat das anarchistische Gedankengut besser in die Praxis umgesetzt als die Genesungsgemeinschaft der Anonymen Alkoholiker mit ihren streng egalitären und inklusiven Strukturen und der Ablehnung von Eigentum und Professionalisierung. Die wichtigsten Grundsätze der Vereinigung – Offenheit der Mitgliedschaft, die Gruppe als organisatorische Basis, interne Gleichheit und die Ablehnung von Besitz, finanzieller Unterstützung oder der Einmischung in äußere Angelegenheiten brechen das eiserne Gesetz der Oligarchie, demzufolge sich auch bei den besten demokratischen Praktiken Führungseliten und Machtdemonstration bilden. Trotz Überstrukturen sind die Gruppen autonom, unterliegen keiner externen Führung oder Kontrolle und treffen ihre Entscheidungen nach dem Konsensprinzip. Weil die einzige Autorität, von der sich die Mitglieder Führung erlauben, eine liebevolle höhere Macht ist, die den Geist des kollektiven Gruppengewissens widerspiegelt, befreien sie sich von Bevormundung, Hörigkeitsdenken und Prestigegehabe. Mit ihrer Offenheit der Mitgliedschaft, der Ablehnung von Autoritäten und Abhängigkeiten sind sie nicht nur von zentraler Bedeutung auf dem spezifischen Feld der Suchtbehandlung, sondern durch ihr einzigartiges Organisationsmodell auch das wichtigste Korrektiv zur kapitalistischen Tradition. Die wechselseitigen Hilfsverpflichtungen, die sich aus der Weitergabe der Genesungsbotschaft ergeben, sind das einigende Band, das die Mitglieder verbindet, Zugehörigkeit schafft und trotz Meinungsvielfalt starke kollektive Interessen erlaubt.

„… Frauen [fürchten] sich so vor ihrer eigenen Kraft, ihrer Weiblichkeit, ihrer Fähigkeit zum Glücklich- und Vollständigsein. Denn wenn wir frei und unabhängig werden, gehen wir das Risiko ein, von Männern wie auch von Frauen bestraft oder abgelehnt zu werden.“
(Anne Wilson Schaef: „Weibliche Wirklichkeit“, 1985)

Die Anonymen Alkoholiker aus feministischer Perspektive

Die Anonymen Alkoholiker sind in der Zeit der Wirtschaftskrise und großen Depression nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, als der Fortschrittsglaube und das Streben nach persönlichem Glück auf Grundlage des Eigenantriebs erstmalig in Frage gestellt wurde. Nicht nur wurde es zu dieser Zeit auch für Frauen erstrebenswert, an eigene Karrieren zu denken, und die Bereitschaft zur Scheidung oder zur Überlegung, sich von männlichen Nichtstuern freizumachen, war zumindest ansatzweise vorhanden. Auch wenn AA eine patriarchale Sprache verwendet und den Alkoholismus von Frauen zu Beginn seiner Entstehungsgeschichte wohlwollend übersehen hat, ist doch die Lösung, die die Anonymen Alkoholiker anbieten, von radikaler Bedeutung für die Autonomie der Frau. Auf der einen Seite büßt der Mann durch seine Sucht, die bisweilen mit dem Verlust seiner Funktion als Versorger einhergeht, seine Rolle als Wertträger oder Wertsetzer ein. Auf der anderen Seite liegt gerade in der metaphysischen und spirituellen Lösung der individuell konzipierten höheren Macht eine Möglichkeit, die Befreiung der Frau umzusetzen, weil niemand mehr an ein vorgefertigtes Dogma glauben muss und Unabhängigkeit von süchtigen Beziehungen, Personen, Institutionen und patriarchalen Wertvorstellungen erfährt. Denn genauso heilig und mysteriös die Lösung bei den AA ist, bedeutet sie doch immer die radikale Abwendung von dem bisher Gewesenen und eine Ausrichtung auf etwas noch Unbekanntes, das stets eine Rückführung zum eigenen lebensbejahenden Prozess bedeutet.

„Ich habe die Beobachtung gemacht, dass immer wenn eine Frau (es kann natürlich auch ein Mann sein) ihrem eigenen Prozess folgt, andere dadurch niemals verletzt werden. Sie tut vielleicht Dinge, die andere nicht gerade gefallen, aber sie tut ihnen nicht weh. Wenn wir hingegen den Kontakt mit unserem inneren Prozess verlieren, verraten wir unsere Bestimmung und sind oft auch für andere zerstörerisch. Das ist das eigentlich Wesen der Sünde.“
(Anne Wilson Schaef: „Weibliche Wirklichkeit“, 1985)