Bordelle für Frauen

„Meine Vision ist nicht die Abschaffung von Prostitution, sondern ihre Ausweitung. Ich möchte, dass auch Frauen sexuelle Dienste in Anspruch nehmen und für ihre Bedürfnisse eine Adresse haben.“
(Kristina Marlen, in „Berliner Zeitung“, 2013)

Keuschheit oder Monogamie

Als Erfüllungsgehilfinnen für das männliche Begehren haben Frauen keine unabhängige Lust. Keuschheitsnormen, die monogame Ehe, die Geschlechterhierarchie und einseitige Sorgeverantwortung der Frau sind Merkmale der patriarchalen Infrastruktur, die sich den Zugriff auf den Körper der Frau und ihre Fürsorge sichert. Feindselige Phrasen und Beschämungen bringen zum Ausdruck, wie sehr sich eine Frau über ihr Verlangen verletzlich macht. Weil sie tagtäglich gegen das Zwangsregime der Geschlechterapartheid ankämpfen müssen, hat die Lust für Frauen oft eine erschreckend geringe Priorität. Sie absentieren sich eher in die sexuelle Anorexie als gegen den ihnen aufgebürdeten Ekel vor ihrem Begehren anzukämpfen oder Gefahr zu laufen, sich noch größerer Gewalt auszusetzen.

„Umfragen belegen, dass Frauen statistisch deutlich häufiger auf Sex verzichten müssen als Männer, und dass mehr Männer als Frauen im letzten Jahr mit zwei oder mehr Menschen Sex hatten.“
(Amia Srinivasan: „Das Recht auf Sex“, 2022)

Der Zuhälter der Frau

Der begehrende Blick der Frau und ihre verkörperten Bedürfnisse existieren trotz angeblicher sexueller Revolution auch im 21. Jahrhundert nicht. Medien, kulturelle Erwartungen und patriarchale Institutionen haben die Macht über die Sexualität der Frau, die ihr nicht einmal ein Mindestmaß an Sicherheit bieten können, das für die Entwicklung eines sexuellen Begehrens erforderlich wäre. Weder finden wir Freudenhäuser für Frauen noch geschulte Liebhaber oder irgendwelche erotischen Anreize, die ihr Vergnügen bereiten. Ganz im Gegenteil ist jede Renaissance weiblicher Sexualität nur eine selbstoptimierende Eigeninszenierung, die der männerdominierten Vermarktung und der Aneignung der reproduktiven Kapazität der Frau dient, mit der die Gesellschaft und der Staat die sexuellen Ansprüche der Männer durchsetzen.

„Wir werden gezwungen, unsere sexuellen Dienstleistungen auf der Straße, in Hotels und Massagesalons oder in unseren Wohnungen zu verkaufen – also einer zweiten Arbeit der Prostitution nachzugehen –, weil wir für die erste Arbeit, die wir als Frauen verrichten, nicht bezahlt werden: die Hausarbeit, die Arbeit, andere zu produzieren und sich um sie zu kümmern, damit wir alle arbeiten können und für den Mann Gewinne erwirtschaften.“
(„Black Women for Wages for Housework“, 1977)

Echte Solidarität

Der einst gemeinsame Kampf von Hausfrauen und Sexarbeiterinnen ist heute in weite Ferne gerückt. Erkannten die Frauen in den siebziger Jahren, dass sowohl Hausfrauen als auch Prostituierte Fürsorgearbeit für Männer zu verrichten hatten, war die logische Schlussfolgerung damals, für alle Frauen selbstbestimmten Sex, Arbeitsrechte und Bezahlung für ihre Liebesdienste einzufordern. Mit der Skandalisierung der Frauenbezahlung für Hausarbeit und ihrer Verunglimpfung als rechtskonservativer Müttergroschen ist gerade der Lohn der Sexarbeiterin etwas, dass sie mehr denn je von der „guten“ und gratis arbeitenden Frau trennt und sie der Verächtlichmachung preisgibt. Judy Ramirez vom Toronto Wages for Housework Committee betonte, dass für die „Lohn für Hausarbeit“-Gruppen der Kampf der Sexarbeiterinnen ein Kampf um das Recht auf wirtschaftliches Überleben war. Es war die Weigerung, arm zu sein. Dieses Recht sollte auch den unbezahlten Care-Arbeiterinnen von heute nicht abgesprochen werden. Auch schreibt sie, dass Politiker die Prostitution stets toleriert haben, solange Prostituierte von anderen Frauen isoliert blieben. Sexarbeiterinnen gelten als Symbol für den weiblichen Verfall, damit wir anderen „guten“ Frauen umsonst verfügbar bleiben und uns der patriarchalen Anerkennung vergewissern können.

„Die Perspektive von ‚Lohn für Hausarbeit‘ und ihre aktive Umsetzung in die Tat waren also in vielerlei Hinsicht innovativ. Zunächst einmal gelang es dieser Allianz zwischen ‚solidarischen Hausfrauen und Huren, die beiden großen, jahrhundertealten weiblichen Archetypen herauszufordern und zu dekonstruieren: die Mutter und die Hure, die ‚guten‘ Frauen auf der einen und die ‚schlechten‘ auf der anderen Seite … Darüber hinaus waren auch rassifizierte Frauen – die immer unter dem Verdacht der Sexarbeit standen – sowie lesbische Frauen (die als ‚böse, weil der Familie entflohen, und ‚pervers‘ eingestuft wurden) Teil der Allianz ‚solidarischer Hausfrauen und Huren‘, welche die Grenzen zwischen bösen, guten und perversen Frauen, seien sie nun weiß oder Schwarz, niederriss.“
(Louise Toupin: „Lohn für Hausarbeit“, 2020)

Spaltung der Frauen

Ein Angriff auf Prostituierte ist ein Angriff auf alle Frauen. Alle Frauen werden im Patriarchat dazu gezwungen, sich zu prostituieren, gratis ästhetische Arbeit zu liefern und Männern zu gefallen. Das Plakat von der nackten Frau in der Bushaltestelle wird nur deswegen hingenommen, weil es neoliberaler Standard ist, wenn weibliche Sexualisierung von der Werbeindustrie genutzt wird, um Kunden zu gewinnen und den Verkauf anzukurbeln. Frauen werden ungleich Männern auf das passive Begehrtwerden zugerichtet und nicht als sexuell autonome Subjekte gesehen. Die Erotisierung geschlechtsbezogener Ungleichheiten befriedigt das Anspruchsdenken heterosexueller Männer, fördert die Selbstsexualisierung der Frau und zementiert ihre Konsumierbarkeit.

„Unterschiede in der Macht manifestieren sich immer im asymmetrischen Zugang.
(Marilyn Frye: „The Politcs of Reality“, 1983)

Die bezwungene weibliche Sexualität

Frauen erhalten nur mit einem Prostituiertenausweis Zutritt zu einem FKK-Saunaclub. Im Patriarchat geht es um die Wunschbefriedigung des Mannes durch die Frau zur Wiederherstellung seiner Arbeitskraft. Weibliche Menschen werden dazu sozialisiert, eine dienende Sexualität zu entwickeln und dafür zu sorgen, dass Männer sich gut fühlen. Der Kapitalismus war der Katalysator für die Geschlechtertrennung und -hierarchisierung, die auf dem Gegensatz zwischen entlohnter und nicht entlohnter Tätigkeiten beruht. Die Hausarbeit der Frau restituiert den Mann jeden Tag aufs Neue: physisch, emotional und sexuell. Als Institution übernimmt die Kleinfamilie die Funktion, sowohl Männer als auch Frauen über den Lohn und ihre Abhängigkeit davon zu disziplinieren und gegen- und untereinander auszuspielen. Damit nicht alle Frauen Geld für Sex und ihre Arbeit im Haushalt verlangen, erfahren sie Beschämung, Hurenächtung und Diskriminierung. Dabei ist es irrelevant, ob Frauen als promisk oder monogam, respektabel oder deviant eingeteilt werden. Damit die Spaltung unter den Frauen funktioniert und sich die Männer und die Gesellschaft stets dieser wichtigen Ressource sicher sein können, werden Frauen über ihre Sexualität kontrolliert und nach männlichen Standards definiert.

„Aber in jeder Rasse/Klasse und sogar über Rassen-/Klassengrenzen hinweg dienen Männer Frauen nicht so, wie Frauen Männern dienen.“
(Marilyn Frye, The Politics of Realtiy“, 1983)

Identifizierung mit dem Mann

Sex wird von gesellschaftlichen Verhältnissen geformt. Die politischen Vorgaben verlangen von der Frau auch im privaten Bereich, sexuell für den Mann verfügbar zu sein. Von einer Frau, die eine sexuelle Initiative setzt – und sei es nur durch ihr sexualisiertes Aussehen – wird erwartet, dass sie die Handlung für den Mann zufriedenstellend zu Ende bringt. Sex auf Augenhöhe erfordert einen geschlechterausgewogenen Zugang zur Sexualität, der nur dann denkbar wird, wenn die asymmetrischen Geschlechterverhältnisse in der Sexarbeit abgeschafft werden und das weibliche Begehren in der Öffentlichkeit ebenso sichtbar wie das männliche ist. Wenn weibliche Kundschaft ein Sexkaufangebot in Anspruch nimmt, ist Sex einvernehmlich. Die heterosexuell-männliche Prostitution vermag, Missstände abzubauen, das Stigma von der Sexarbeit zu lösen und die Frau von ihrer (sexuellen) Versorgerrolle zu befreien. Genau dieser Aspekt jedoch wird in Prostitutionsdebatten vernachlässigt, in denen die heterosexuelle Kundin und der männliche Liebesdiener unerwähnt bleiben oder nur am Rande erwähnt werden.

„Die gesamte Sexindustrie basiert auf dem patriarchalischen Geschlechtervertrag: ‚Sie will, was er will.‘
(Sandra Konrad: „Das beherrschte Geschlecht“, 2018)

Die Negativität des weiblichen Begehrens

Tatsächlich existiert die Frau als Begehrende in unserer Gesellschaft nicht. Während der Mann jederzeit und überall seine Lust realisieren kann, gibt es für Frauen weder Stimuluslieferanten wie Pin-ups, Callboys oder andere Lustbringer in der sichtbaren Öffentlichkeit. Auch existieren keine Sexkaufmöglichkeiten, die über die merkwürdig entsexualisierten Angebote in einem therapeutischen Rahmen oder zur pornographischen Weiterbildung der Frau hinausgehen. Statt sexueller Befreiung wird auf diese Weise die sexuelle Verfügbarkeit von Frauen fortgeschrieben. Ihnen bleibt nur noch, ihren Sexualtrieb wegzukonditionieren, möchten sie der männlichen Dominanz entgegenwirken. Mit dieser defensiven Sexualität kann die Frau nur die käufliche Position einnehmen. Männlichen Prostituierten in einem Bordell käme die Funktion zu, das sinnliche Begehren aus den Zwängen ungleicher Machtverhältnisse zu lösen und Frauen durch Entpassivierung aus der emotionalen Abhängigkeit von Männern zu befreien. Stattdessen bieten Männer wie auch Transfrauen prostitutive Dienste nur für andere Männer an. Männliche Reize werden lediglich in einem homoerotischen Kontext gesetzt oder egotauglichen Männerfantasien untergeordnet.

„Dazu im Gegensatz beschränkt sich der heterosexuell-männliche Escortservice auf ein im privaten Sektor ansässiges Nischenprodukt, in dem männliche Verführer ihren Dienst als galante Begleiter anbieten und das Verhältnis zwischen männlich konnotierter Eroberung und weiblicher Hingabe fortschreiben. Natürlich brauchen Frauen auch sinnliche Trainer und einfühlsame Masseure, die sich ihren Körpern mit Geduld und Interesse nähern und Traumatisierungen heilen. Es kann aber nicht sein, dass Frauen in der kommerzialisierten Sexualität nur Orgasmen zugestanden werden, wenn sie kuriert oder geläutert werden sollen, wie es in der sexologischen Körperarbeit und den spirituell angehauchten Tantra-Ritualen geschieht, die sich nicht auf lustbetonte Interaktionen mit attraktiven Männern, sondern auf Selbsterfahrung kaprizieren.“
(Pamina Normal: „Das Manifest zur Abschaffung der Frau“, 2025)

Mann/Subjekt fickt Frau/Objekt

Die patriarchale Geschlechteropposition besteht aus männlicher Eroberung und weiblicher Hingabe, der Dominanz des Mannes und der Unterwerfung der Frau. Es wird alles dafür getan, damit sich die althergebrachte Begehrens- und Anerkennungsökonomie zwischen dem befugten und statusfixierten Mann und der reagierenden und gefallsüchtigen Frau aufrecht erhält. Die Präsenz der potenten Frau muss unterbunden werde, um mit der patriarchalen Indoktrination Macht ausüben zu können. Damit die Frau auch weiterhin konsumierbar und einsatzbereit bleibt, wird penibel darauf geachtet, ihr keine höhergestellten Freudenspender oder Cis-Männer zur Verfügung zu stellen, damit sie daraus kein Anspruchsdenken entwickelt oder ihrer servilen Rolle entrinnt. Solange der Frau keine sicheren Orte des Erkundens zugestanden werden, um eine im Selbstwert verwurzelte Sexualität zu entwickeln, wird ihre Handlungsmacht beschränkt bleiben und sich dem männliche Anspruchsdenken unterordnen.

„Es wird nicht gefragt, warum die sexuelle Inszenierung männlicher Körper unterbleibt, das Begehren der Heteras im Mainstream fehlt, männliche gynophile Lust ringsum mit weiblichen Heerscharen versorgt wird, die der Heterofrau aber höchstens mit überkanditeltem, elitärem Bezahlporno. So darf bestehen bleiben, was wir seit Jahrhunderten kennen: Die Frau kümmert sich und verrichtet unbezahlte Sorgearbeit. Um die Frau bemüht sich nicht der Mann, sondern ein queerer Workaround, der das systemische Gewaltverhältnis verschleiert.“
(Pamina Normal: „Das Manifest zur Abschaffung der Frau“, 2025)

Entsexualisierung erotischer Begegnungen

Selbst bei den wenigen Sexkauf-Angeboten für Frauen ist es mehrheitlich nicht der Fall, dass sich Männer um Frauen kümmern, von der Orgasmus-Garantie exklusiv für männliche Kunden und Pensionistenrabatten gar nicht zu sprechen. Mit der öffentlichen Unsichtbarmachung als Freierin soll die Frau in ihrer Entmachtung fixiert und für Männer zugänglich bleiben. Damit sie sich nicht wegen anhaltender Frigidisierung in die Asexualität flüchten oder sich ihre Frustration in Rebellion entlädt, werden Frauen mit medialen Fantasiegespinsten, Retter-Romanzen, BDSM-Spielchen, elitärem Männerstriptease, Galanterie, Sextoys, Masturbationsanleitungen und Sex-Ratgebern sediert und in einem Zustand der Benutzbarkeit gehalten. Ihnen wird so ziemlich alles aufgetischt, dass sie von einer Erfahrung mit Wunsch-Sex mit einem professionellen Sexarbeiter fernhält, der in Liebesdingen geschult ist. Laufen bei der Pornonutzung unnötigerweise Werbeanzeigen von willigen und echten „Frauen aus deiner Umgebung“, erfährt die Konsumentin einen gönnerhaften Ausgleich mit Reklame für das neueste Sexspielzeug.

„Bis jetzt hat der Feminismus nichts getan, um den männlichen Sex-Appeal anzuheizen, Stimulusmaterial für androphile Frauen bereitzustellen, die Frau zu einer aktiven Einforderung ihrer sexuellen Bedürfnisse zu motivieren und die Kultur des Slutshaming, die sexuell aktive Frauen stigmatisiert, durch eine öffentliche Anpreisung sexueller Frauendienste einzudämmen. So gedeiht eine Kultur, in der die Frau mangels Alternative die exklusive monogame Verfügungsgewalt des Mannes tolerieren muss, während ihrem Partner alle Formen der sexuellen Befriedigung offenstehen und er keine Konkurrenz von besseren Liebhabern befürchten muss.“
(Pamina Normal: „Das Manifest zur Abschaffung der Frau“, 2025)

Die Domestizierung der Frau

Die Geschlechteropposition in der kommerzialisierten Sexarbeit hat zur Folge, dass auch in privaten Beziehungen keine Gleichheit bestehen kann, wenn außerhäuslicher Stressabbau nur für Männer vorgesehen ist. „Ist die Möglichkeit, dass mein Partner legal sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen könnte, eine Gefahr für meine Beziehung?“, fragt Undine de Rivière in ihrem „Huren-Manifest“. Antwort darauf gibt sie keine. Obwohl sie über 250 Seiten lang von Sexarbeiter_innen schreibt, also das Mittel der diskursiven Verschiebung gebraucht, erwähnt sie nur in einem beiläufigen Satz männliche Kollegen aus dem Tantra-Bereich. Neben der Naturalisierung von Geschlechterdifferenzen und der individuellen Fehlersuche zur Verantwortungsverschiebung ist die rhetorische Modernisierung nur eine von vielen Verzerrungen, um Frauen darüber hinwegzutäuschen, dass sie auch heute noch in absurd asymmetrischer Weise zur Männerpflege und zum sexuellen Herrendienst abgerichtet werden.

„Die Frau braucht sichere Räume und Männer, die sie aus ihrer sexuellen Defensive locken und ihr ungeteilte Freude schenken, damit sie als autonomes Subjekt ihre Hörigkeit verliert. Mit der heterosexuell-männlichen Prostitution sollen Frauen befähigt werden, die verinnerlichten patriarchalen Denkschemata aufzugeben und ihre sexuellen Wünsche umzusetzen. Dazu muss es erotisch dienstleistende Männer für gewisse Stunden geben, die die Selbstermächtigung der Frau und ihre sexuelle Heilung vorantreiben. Der Belohnungswert eines sexuellen Reizes entscheidet darüber, ob sich eine Frau auf eine ausgeprägte sexuelle Reaktion einlassen kann, und solange man ihr Vergnügen nicht priorisiert, wird das begabte weibliche Energiesystem zum Nachteil unser aller versiegen.“
(Pamina Normal: „Das Manifest zur Abschaffung der Frau“, 2025)

Sex als etwas Heiliges?

Haben Männer im Patriarchat Sex zum Vergnügen, ist für Frauen Sex als häuslicher Dienst vorgesehen, der nur dann als heilig oder „rein“ aufgefasst wird, wenn er dem Mann auf Wunsch Nachkommen beschert und seine Potenz restituiert. Dahingegen werden Frauen als asozial eingeordnet, pathologisiert oder als Huren abgestraft, wenn ihnen Sex zu viel Vergnügen bereitet. Das Matriarchat bewertet nicht. Es gibt dort keinen besseren Sex oder schlechteren Sex. Es gibt dort Sex, weil er zum Leben gehört. Vor allem gibt es dort nichts Heiliges, das nur auf wenige abstrakte Aspekte des Menschseins oder distanzierte Gottheiten zutrifft. Alles ist dort heilig, besonders die täglichen Rituale des Alltags und alle Mitgeschöpfe, vielleicht nicht so ganz wie es Allen Ginsberg in seinen Fußnoten zum „Geheul“ feststelle („Der Gammler ist so heilig wie der Seraphim! Der Verrückte ist heilig, wie du, meine Seele heilig bist! … Heilig meine Mutter im Irrenhaus, heilig die Schwänze der Großväter in Kansas …“), sondern in einem ökofeministischen Sinn, der die Zyklen der Natur, die Abfolge von Leben und Sterben achtet, den Menschen nicht an die Krone der Schöpfung setzt und vor allem kein Denken in Gegensatzpaaren wie gut und böse kennt.

„Die Sexarbeiterin stellt demnach die schlechte Frau par excellence dar, weil sie diejenige ist, die durch ihre Weigerung ‚aus Liebe‛zu tun, was die zentrale Klausel des Hausarbeitsvertrags ist, das Herz der Liebesideologie angreift, auf der die Hausarbeit beruht. Sie widerspricht damit der Gewissheit, dass Hausarbeit eine Arbeit aus Liebe ist … Aus diesem Grund stellt sie eine Bedrohung für die Reproduktion der Familie dar. Sie verlangt eine direkte Bezahlung, außerhalb der familiären Disziplin. Sie kontrolliert ihre Arbeitszeit und die Formen ihrer Arbeit.“
(Giovanna Franca Dalla Costa: „Un lavoro d’amore“, 1978)

Skandalisierung des Frauenlohns

Dass im Patriarchat in Dualismen gedacht wird, hat mit dem Abgrenzungspotential des negativierten Anderen zu tun, das den Mächtigen für die Legitimation der eigenen Höherbewertung dient. Für die „Heiligkeit“ von Sex reicht es völlig aus, wenn Menschen ihn in gegenseitigem Einverständnis und fern gesellschaftlicher Erwartungen vollziehen. Während wenige es verachtenswert finden, vor dem Sex vom Partner zum Essen ausgeführt zu werden, sorgt die explizite Entlohnung von Frauen für große Aufregung. Warum es noch immer einem Skandal gleicht, Frauen für ihre Arbeit zu entlohnen, ist mehr als überlegenswert. Sowohl auf die Sexarbeits- als auch die Hausarbeitsfrage lautet die Antwort erschreckenderweise, Männer außen vor zu lassen und Frauen ins Elend zu führen, indem Sorgearbeit entweder verstaatlicht oder wie im Falle der Prostitution kriminalisiert wird. Dabei ist Sexarbeit oft das einzige Mittel für Frauen, ihre Kinder zu ernähren, Unabhängigkeit von ihren Partnern zu erlangen und sich aus gewaltvollen Beziehungen zu lösen. Nicht die Prostitution ist das Problem, sondern die patriarchalen Rahmenbedingungen, die Frauen nicht oder nicht ausreichend entlohnen und dazu zwingen, sich einseitigerweise Männern anzupreisen, weil sie nach wie vor eine der wenigen Sorgearbeiten ist, für die man selbst Frauen ein Recht auf Bezahlung zuerkennt.

„Proletarische Frauen wussten, dass die Ehe für eine Frau bedeutete, tagsüber eine Dienerin und nachts eine Hure oder mit Armut konfrontiert zu sein, falls sie das Ehebett verlassen sollte.“
(Silvia Federici: „Das Lohnpatriarchat“, 2021)

Sexarbeit ist Hausfrauenarbeit

Sex ist etwas, das Frauen Männern schuldig sind, sei es ein Blowjob als Gegenleistung für ein paar seichte Komplimente oder Analsex zur Beziehungsstabilisierung. Bis spät in die neunziger Jahre galt eine Vergewaltigung in der Ehe nicht als Straftat, sondern als Garant für die sexuelle Versorgung des Mannes. Im Unterschied zu anderen außerhäuslichen Sorgearbeiten (Kindererziehung, Krankenpflege, Gastronomie), die bezahlt und von Frauen für Hausfrauen ausgeführt werden, damit Letztere erwerbsarbeiten und Steuern zahlen können, handelt es sich bei der sexuellen Sorgearbeit um die einzige Reproduktionsarbeit, die exklusiv von Frauen für Männer getätigt wird. Weil Sexworker eine Arbeit verrichten, die von »guten« Frauen gratis ausgeführt wird, erfahren sie durch Außenstehende gesellschaftliche Brandmarkung, Bevormundung und moralische Werturteile, einschließlich die Missgunst der Frauen selbst, weil sie nicht zu den Anspruchsberechtigten dieser sexuellen Versorgung zählen.

„Die weibliche Sexualität als Dienstleistung zu gestalten und das Vergnügen zu negieren, hielt die Vorstellung, dass die weibliche Sexualität sündhaft sei und nur durch die Ehe und die Fortpflanzung erlöst werden könne, für lange Zeit am Leben und schuf eine Situation, in der jede Frau als potentielle Prostituierte betrachtet wurde, die ständig kontrolliert werden müsste.“
(Silvia Federici: „Das Lohnpatriarchat“, 2021)

Ehrbarkeit und Respekt statt Bezahlung

Die Trennung der »guten« von der »schlechten« Frau und der Ehefrau von der Hure war Voraussetzung für die Akzeptanz der unbezahlten Hausarbeit, schreibt Silvia Federici in ihrer „Geschichte der Sexarbeit“. Frauen mussten ihre Sexualität als etwas Schändliches erleben und beweisen, keine Prostituierten zu sein. »Ehrbarkeit und Respekt dienen als Entschädigung für unbezahlte Arbeit und Abhängigkeit von den Männern.“ So erfolgte die Abgrenzung der fleißigen und sparsamen Ehefrau, die ihren Mann gratis rundum versorgte, von der lasterhaften und verschwenderischen Prostituierten oder Lohnarbeiterin, die ihren Haushalt vernachlässigte. Eine Hierarchisierung unter Frauen etablierte sich, die die von allen respektierte Frau, die unermüdlich und bedingungslos für andere arbeitete und dabei in ihrer Rolle aufging, zum Ideal des neuen Haushaltsregimes erklärte.

„Für eine geschlechtergerechte Sexarbeit braucht es nicht nur selbstbestimmte SexarbeiterInnen, sondern auch Frauen als Kundschaft.“
(Kristina Marlen)

Masturbation ist nicht Sex

Ob Schwulenpornos, Fictosex oder die Prostituierte, die auch die weibliche Kundin mitbedient: Frauen wird eine flexibilisierte Sexualität aufgebürdet, die männliche Blickführung zugemutet oder Trockentraining verscherbelt, damit sie den Beschiss über ihre rein käufliche Rolle nicht bemerken. Während sich Männer mit Frauen vergnügen, wird die Frau mit Geltungskonsum, Kuchenbacken und Verschönerungsinitiativen der hedonistischen Zeitverschwendung zugeführt. Neben der Optimierung ihrer selbst und der ihrer Umgebung darf sie masturbieren, um sexuell zugänglich zu bleiben. Niemand entdeckt Sexualität allein. Die in der Isolation erlernten Ersatzhandlungen arbeiten der sexuellen Magersucht und der Kontaktvermeidung der Suchtgesellschaft zu, die uns an unsere Souveränität kettet und glauben lässt, alles kontrollieren zu können, auch die Angst, uns vor anderen verletzbar zu zeigen. Es ist an der Zeit, die paternalisierte Sexualität der Frau auszurotten und darüber nachzudenken, inwiefern auch der Mann als „Freudenjunge“ Dienst an der Frau verrichten kann, nicht um missbräuchliche Zustände umzukehren, sondern um sie zu transzendieren und die Sexualität auf das Fundament einer ausbalancierten Wechselseitigkeit zu bringen.

„Der verabsolutierten Sexualität des Mannes und seinem Wunschbild zu entsprechen, ist der größte Süchtigmacher für die Frau und der Fix, der ihr von den Pläsieren der Bottom Bitch zur kuchenbackenden Übermutter den größten Drogenvorrat aller Zeiten beschert. Im Prozess der Passivierung der weiblichen Sexualität wird die Frau immer reagierender und genügsamer, bis ihr Ehrgeiz und ihre ekstatische Energie auch in allen anderen Bereichen ihrer Existenz verlischt und sie so abgestumpft ist, dass sie im Innersten nicht mehr das Geringste fühlt.“
(Pamina Normal: „Das Manifest zur Abschaffung der Frau“, 2025)

Die Bestrafung weiblicher Lust

Frauen werden nicht dazu erzogen, eine Anspruchsberechtigung zu haben. Bordelle für Frauen wären ein Affront auf die kapitalistische Geschlechterordnung, die von der Verfügbarkeit der Frau abhängt und weibliches Verlangen mit Ächtung bestraft. Mit einer Zurichtung auf das passive Begehrtwerden wird die Frau solange angefixt, bis sie daraus ihre alleinige Anerkennung bezieht und jedes aktive Zugehen verlernt. Sie soll empfänglich für sexuelle Annäherungsversuche bleiben, aber selbst nur ein reagierendes Verlangen haben. Gefallen an etwas zu finden, Ja zu einer sexuellen Handlung zu sagen oder ein sexuelles Begehren zum Ausdruck zu bringen und dafür kann schon eine sexy Kleidung ausreichen, macht die Frau verletzlich für Missbrauch und Schuldumkehr. Solange es für unsere Verdinglichung zentral ist, um mit Laurie Penny zu sprechen, „dass wir unserer Sexualität entfremdet bleiben“, müssen wir der Frau den notwendigen Resonanzraum mit männlichen Lustbringern zur Verfügung stellen.

„Wir leben in einer Kultur, die klare sexuelle Bekenntnisse von Frauen fordert und sie aber zeitgleich abstraft, wenn sie diese umsetzen… Man erwartet von uns, dass wir selbstbewusst auftreten und sexuell allzeit verfügbar wirken, aber wir sollen uns schämen und werden geächtet, wenn wir Arroganz, Ehrgeiz oder erotisches Verlangen zeigen.
(Laurie Penny: „Fleischmarkt, 2012)

Unabwendbarkeit der Schlampifizierung

Auch wenn die Frau Befriedigung wünscht und dafür bezahlt, bleibt sie – um es mit wohlproportionierten biblischen Worten zu bezeugen – eine treulose, wenn auch ungewöhnliche Dirne (Ezechiel 16,31). Sie wird als hochmütige Ehebrecherin und schamlose Hure denunziert, wenn sie sich nicht ihrem irdischen Gebieter, einem göttlichen Herrn oder der staatlichen sozialen Ordnung unterwirft und stattdessen einen fremden Mann „Dirnenlohn“ zahlt und ihre vorgegebene dienende Stellung verlässt. Hure ist demnach auch die Frau, die für Sex bezahlt. Damit das klar wird, verunglimpft die Bibel auch die Frau, die ihren Liebhabern Geschenke bereitet und sie besticht, mit ihr Sex zu haben, so nachzulesen in Ezechiel, AT, Kapitel 16. „Bei deiner Unzucht hast du es gerade umgekehrt gemacht wie andere Frauen“, heißt es in Vers 34. „Dir lief niemand nach; du hast selbst bezahlt und dich nicht bezahlen lassen.“ Darauf erfolgt die Urteilsverkündigung der Steinigung als Warnung an alle Frauen, die das Verfügungsrecht über ihre Körper nicht aufgeben wollen. Die Möglichkeit keine Schlampe für eine Frau zu sein, existiert nicht.

„Was früher die Hexenverbrennung war, nennt sich heute Slut Shaming.
(Katja Grach: MILF-Mädchenrechnung, 2018)

Weiblich-heterosexuelle Sexarbeit

Prostitution ist eine Frauendomäne und aufgrund dieser Tatsache abgewertet und besonderen Belastungen ausgesetzt. Es ist das Geschlechterverhältnis in der Sexarbeit, das den Unterschied zu anderen Sorgedienstleistungen konstituiert. Frauen sorgen sich um das Wohlergehen von Männern. Dazu gibt es eine seit Jahrtausenden währende Anspruchshaltung. Gefälligkeit und sexuelle Gefügigkeit sind ein wichtiges Mittel für Frauen, um Bestätigung zu erhalten. Sie werden dahingehend sozialisiert, ihre Anerkennung aus dem Begehrtwerden zu ziehen, was Katja Grach in ihrer „MILF-Mädchenrechnung“ als „Fuckablity-Emanzipation“ beschreibt. Frauen machen die Erfahrung, über sexuelle Leistungen Bestätigung zu erfahren. Sie lernen mithilfe der Dissoziation oder Abspaltung vom eigenen Körper über ihre Grenzen hinauszugehen. Sexarbeit bringt für viele Frauen, besonders für migrierte Sexarbeiterinnen eine Möglichkeit, sich aus wirtschaftlicher Not und Abhängigkeiten zu befreien, also selbstbestimmter zu werden, und muss deswegen entkriminalisiert und von öffentlicher Verurteilung befreit werden.

„Die für das Bordell typische Taylorisierung des Koitus erhöhte die Produktivität der Sexarbeit erheblich. Ein preiswerter, leicht zugänglicher und staatlich geförderter Sex war ideal für einen Arbeiter, der nach einem Tag in der Fabrik oder im Büro nicht die Zeit hatte, sich nach amourösen Abenteuern umzusehen oder den Weg freiwilliger Beziehungen zu gehen.“
(Silvia Federici: „Das Lohnpatriarchat“, 2021)

Wer reproduziert die (Haus)frau?

Eine Arbeit, für die es keinen Lohn gibt, bleibt unterbewertet. Der häusliche Frondienst wird als private Sorge für die Nächsten eingestuft, die als moralische Verpflichtung geleistet wird. Wenn Frauen daheim sind und anscheinend nicht arbeiten, wenn sie waschen, kochen, putzen, Kinder und Alte pflegen, den Alltag der Familie organisieren und Gefühle managen, haben sie keinen Anspruch auf Lohn, Krankenstand, Urlaub oder Pension und brauchen niemanden, der sich um ihre Regeneration kümmert. Während in der Zeit der römischen Thermen oder der mittelalterlichen Badestuben auch Frauen sexuelle Leistungen beziehen konnten, war der Kapitalismus der Katalysator für die Geschlechterspaltung und die weiblich-heterosexuelle Prostitution, um die Produktivität des Mannes zu steigern. Selbst unter den extremen Bedingungen der NS-Konzentrationslager mussten sich Frauen für andere Häftlinge prostituieren. Der Kollaboration bezichtigt, wurden sie für die Spaltung unter den Gefangenen instrumentalisiert. Um das Geschlechterregime zu torpedieren und den Wert der Sorgearbeit nachzuschärfen, müssen auch Männer sexuelle Dienste für Frauen anbieten. Erst dann kann die Entrechtung der Frau gestoppt werden und Sexarbeit in einem völlig anderen Rahmen stattfinden. Denn um noch einmal die Berliner Sexarbeiterin Kristina Marlen sprechen zu lassen:

„Es ist nie der Sex an sich das Problem, sondern die Bedingungen, unter denen er stattfindet.“
(Kristina Marlen)

Konsens im Patriarchat?

Ethisch einwandfreier Sex hat gegenseitiges Einverständnis zur Voraussetzung. Das gerade bleibt jedoch fraglich, wenn wir wissen, dass Sex keine präpolitische Angelegenheit ist. Wie moralisch bindend ist ein „Nein“ der untergebenen Position, wie aussagekräftig ein „Ja“ oder das Ausbleiben von Protest angesichts der Geschlechterhierarchie? Hört ein Mann überhaupt ein „Ja“ oder „Nein“, wenn er sich taub stellen kann, weil es ihm dank seiner strukturellen Höherpositionierung gelegen kommt, dass sich die Frau fügt oder sich als seine Bewunderin andient. Männer brauchen Frauen selten dazu zwingen, Sex mit ihnen zu haben, weil Frauen davon ausgehen, dass sie Männer befriedigen müssen und sexuelle Handlungen nicht abbrechen können, ohne zu riskieren, in irgendeiner Form dafür bestraft zu werden. Grenzverletzungen aufgrund fehlender Einvernehmlichkeit passieren auch, wenn die Frau sexuelle Handlungen initiiert, weil das Kräfteverhältnis zwischen den Geschlechtern nicht ausbalanciert ist und es stets der Frau als gesellschaftlich entmachtetes Geschlecht obliegt, für sexuellen Konsens zu sorgen.

„Dass sie weitermachte, geschah aus demselben Grund, aus dem etliche Frauen und Mädchen weitermachen: Weil von einer Frau, die einen Mann scharfmacht, erwartet wird, dass sie die Sache auch zu Ende bringt.“
(Amia Srinivasani: „Das Recht auf Sex“, 2021)

Weibliche Lust

Dass auch Frauen Erwartungen an ein gutes Ende haben, steht dabei gar nicht zur Diskussion. Schlechter Sex ist für Frauen anscheinend vorprogrammiert und bedarf keiner weiteren Erklärungen. Im Dokumentarfilm „Female Pleasure“ von 2018 und zahlreichen Publikationen über weibliches Begehren geht es nicht darum, was Frauen wollen, welchen Sex sie gut fänden, welche Liebhaber sie präferieren oder welche Stellungen, sondern um die patriarchale Kontrolle über ihre Lust und dass es den Frauen zuteil wird, sich für ein gleichberechtigtes Miteinander unter den Geschlechtern zu engagieren. Sex ist etwas, dass Männer Frauen antun. Niemals entwickeln Frauen eine sexuelle Anspruchsberechtigung. Sie tun es deswegen nicht, weil sie unter den gegebenen Machtverhältnissen der Frauenentwertung, der sexuellen Gewalt, der Verhütungsverantwortung und einseitigen Sorgebelastung bei Sex weit mehr riskieren als dies Männer tun. Sobald Frauen aktiv Sex initiieren, genießen sie nicht mehr den Schutz der Gesellschaft und setzen sich dem Verdacht der Treulosigkeit, Zügellosigkeit und Verantwortungslosigkeit aus.

„Frauen, so schreibt die Sexualerzieherin Christina Tesoro, werden gedrängt, Nein sagen zu können oder auch ein nachdrückliches Ja zu äußern, aber man bringt ihnen nicht bei zu sagen: ‚Vielleicht. Ehrlich gesagt, ich bin mir nicht sicher.‘ … Oder zu sagen: ‚Berühre mich zuerst ein wenig länger. Berühre mich überhaupt. Sei vorsichtig. Mach langsam.‘”
(Katherine Angel: „Morgen wird Sex wieder gut“, 2022)

Auf Frauen ausgelagerte Verantwortung

Das Problem der sexualisierten Gewalt liegt nicht in der fehlenden Kommunikation oder mangelhaften Einholung expliziter Einwilligungen, sondern in Doppelstandards, lückenhafter Aufklärung, männlichem Desinteresse und einem Regelsystem geschlechtsspezifischer sexueller Erwartungen. Während alle wissen, dass Frauen nicht zu den sexuell Anspruchsberechtigten zählen, haben Frauen die Erwartungshaltung der Männer internalisiert – ganz egal, ob sie in einer spezifischen Situation tatsächlich zu tragen kommt. Die Frau sorgt für seine Befriedigung, weil sie im patriarchal begründeten Sex die Verantwortung dafür trägt. Ob „Nein heißt Nein“ oder „Ja heißt Ja“: Ein Gesetz kann die männliche Anspruchsberechtigung, die Frauen in die Defensive zwingt, nicht ändern. Nach geltendem Männlichkeitsbild hat die Lust des Mannes Vorrang. Jahrtausendelange Dominanz prägt den Mythos seiner leichter zu weckenden und zu befriedigenden Lust, die bei Frustration negative Konsequenzen nach sich zöge, weswegen die Frau in der Pflicht steht, mit einem Mann zur Gewaltvermeidung Sex zu haben oder ihn selbstbestimmt durchzuziehen, um ihre Verletzlichkeit abzuwehren.

„Allerdings dürfte ein gewisses Wunschdenken am Werk sein, wenn wir darauf bestehen, eine Sexualität zu haben, die sich unabhängig von der Begegnung mit anderen entdecken lässt… Es gibt sexuell gesehen für alles ein erstes Mal, und dieses ist notwendigerweise unbekannt und voller Unsicherheiten. Hinzu kommt, dass jede sexuelle Begegnung einzigartig und von machtvoller Unbestimmtheit geprägt ist. Wir wissen in keiner Situation, was passieren wird oder wie wir es empfinden werden – unabhängig davon, was wir davor schon getan und gemocht haben. Genau darin liegt die Macht des Erotischen… Die Idee, dass wir unsere Sexualität isoliert entdecken können, ist eine verständliche Reaktion auf die bedenklich miserablen Erfahrungen, die viele Frauen machen.“
(Katherine Angel: „Morgen wird Sex wieder gut“, 2022)

Kontrolle statt Befreiung

Die paradoxe Botschaft, die Frauen in der „Confidence Culture“ erhalten, ist jedoch, all die strukturellen Probleme zu ignorieren und sich mutig für ihre Interessen einzusetzen. Man konfrontiert sie mit Doppelbotschaften und legt ihnen die Last der Konsensverhandlung auf. Die Schuld für schlechten Sex liegt letztlich bei ihnen selbst. Entweder sie haben kein gesundes Selbstbewusstsein oder nicht genug Körperverständnis entwickelt, zu wenig über Psychologie in Beziehungen gelernt oder waren zu nachlässig in ihrer Partnerauswahl. Frauen sollen mit Selbsterfahrung ihr Begehren identifizieren, obwohl Masturbation offensichtlich nicht das Gleiche wie Sex ist, der sich gerade durch eine Notwendigkeit charakterisiert, sich auf andere einlassen zu können, Kontrolle abzugeben und sich verletzlich zu zeigen. Vieles an sexueller Erfüllung, an unbekannten Arten der Berührung wird Frauen vorenthalten und mit den Bildern, die ihnen medial geliefert werden, nicht gezeigt. Gleichzeitig werden sie für klare Grenzziehungen verantwortlich gemacht und sollen a priori ihre Wünsche kommunizieren, auch wenn sie damit riskieren, als verachtenswert abgeurteilt zu werden. Nicht zuletzt bleibt ihnen der Prozess der Offenheit und des Erkundens auch deswegen verwehrt, weil sie sich abhärten müssen, um gegen die konstanten Verletzungen und Übergriffe immun zu bleiben.

„Ich glaube nicht, dass Konsens das Machtungleichgewicht, das in unseren täglichen Interaktionen am Werk ist, aushebeln wird.
(Katherine Angel: „Morgen wird Sex wieder gut“, 2022)

Paragdigmen-Wechsel

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es zu einem Paradigmenwechsel kommt, wenn ich als Frau erlebe, dass es auch männliche Sexarbeiter gibt, die für meine Bedürfnisse ansprechbar sind. War ich früher Frauen, die der Sexarbeit nachgingen gegenüber misstrauisch eingestellt und hatte Vorurteile oder reagierte ablehnend, hat sich heute meine skeptische Einstellung zugunsten eines tiefen Respekts vor ihnen und ihrer Sorgearbeit aufgelöst. Auch trete ich Kunden von Sexarbeit wesentlich entspannter gegenüber, seitdem ich weiß, dass Wunschbefriedigung auf Verlangen auch für Frauen umsetzbar ist. In meinem Manifest zur Abschaffung der Frau betone ich die Wichtigkeit der Beseitigung geschlechtsspezifischer Grenzen und eines asymmetrischen Zugangs, weil dadurch Frauen und die Arbeit, die sie leisten, entwertet werden und sich Männer nicht aus ihrer reproduktiven Unterforderung emanzipieren, die unsere Welt so dringend für die Entmilitarisierung und zum Schutz des Lebens benötigt.

„Genauso wenig wie die Frau die reproduktive Versorgungsarbeit innerhalb der geschlechtlichen Arbeitsteilung aufgrund ihrer Statusschwäche aufwerten kann, vermögen es Sexarbeiterinnen, ihre Arbeitsbedingungen wesentlich zu verbessern oder das Stigma von der Prostitution zu entfernen. Damit die Frau aufhört, das Begehren der Männer zu spiegeln und wir uns die aufdringlichen Debattenbeiträge zwischen Prostitutionsbefürwortern und Abolitionisten mitsamt ihren nervtötenden Diskussionen um die Legitimität der Prostitution ersparen, gehört die ewig polarisierende Frau und Hure abgeschafft und durch den Mann als Bedürfnisbefriediger ersetzt.“
(Pamina Normal: „Das Manifest zur Abschaffung der Frau“, 2025)

Bordelle für Frauen

Nirgendwo anders ist die Geschlechterasymmetrie so evident wie in der öffentlichen Sexualität, in der die Frau Reize setzt und Bedürfnisse befriedigt, während sie selbst aus ihrem Begehrtwerden Anerkennung bezieht und kein eigenes Verlangen unterhält. Die Gleichberechtigung im Sexuellen fehlt komplett. Das hat Auswirkungen auf die geschlechtsspezifischen Machtverhältnisse, die Frauen auf einen minoritären Status festschreiben. Solange Frauen keine sicheren Resonanzräume für die Erforschung ihres sexuellen Verlangens zugestanden werden, bleibt ihre Verfügungsgewalt beschränkt und das männliche Anspruchsdenken über sie bestehen. Dabei wäre jede sexuell aktive Frau, die über ihre Wünsche und Grenzen Bescheid weiß, die sich für ihre Bedürfnisse nicht schämt und keine Kontrolle über die Unterdrückung ihres Begehrens ausüben muss, ein Gewinn für die Geschlechtergerechtigkeit und eine große Chance die Dichotomie zwischen Gebenden und Empfangenden zu überwinden.

„Die Frau als selbstbestimmtes Wesen ist eine Fata Morgana – oft gesehen und herbeigewünscht, aber sie löst sich zwangsläufig in Luft auf, je näher man ihr kommt.“
(Sandra Konrad: „Das beherrschte Geschlecht“, 2018)

Wechselseitige Abhängigkeit

Wie mit der Aufwertung der unbezahlten Hausarbeit durch die verpflichtende Väterkarenz kann nur der Mann kraft seiner Bevorrechtung die Prostitution entstigmatisieren, die Erotisierung der weiblichen Unterordnung abbauen und der Sexualität zu mehr Wechselseitigkeit verhelfen. Ausgehend von dieser Behauptung und der Frage „Was darf die Frau wollen?“ möchte ich das Thema nutzen, weibliche Lust in den Fokus für eine Sexualität ohne Ausbeutung zu rücken. Es geht um das Bewusstsein der reziproken Abhängigkeit der Menschen voneinander, den Abbau der geschlechterhierarchischen Arbeitsteilung durch Verantwortungsübernahme der Männer und eine geschlechtergerechte Verteilung der Sorgearbeit inklusive der sexuellen Dienstleistungen. Es wäre an der Zeit, dass sich ein eigenständiges Verlangen für die Frau etabliert und Bordelle für alle als Oasen der Frauenstärkung die weibliche Handlungsmacht restituieren. Als sichtbares öffentliches Zeichen sollen sie Kenntnis ablegen von einer neuen demokratischen Praxis der Fürsorglichkeit, die Verlangen nicht mehr als tragisches Symbol von Kontrollverlust interpretiert, sondern als Zeichen unserer Verletzlichkeit und ständigen Verwiesenheit auf andere.

„Es ist von immenser Bedeutung eine Welt zu schaffen, in der niemand schockiert ist vom Begehren einer Frau.“
(Katherine Angel: „Morgen wird Sex wieder gut“, 2022)

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