Wir alle leben in Zombieland und sind süchtig, sogar mehrfachsüchtig. Die funktionierenden Alkoholiker und Suchtkranken entspringen dem kapitalistischen Kalkül genauso wie die co-abhängigen Systemerhalter, deren Agenden um die Probleme anderer kreisen und die im vordergründig selbstlosen Kümmern ihre Lebensberechtigung erfahren.
Das Manifest zur Abschaffung der Frau ist eine parafeministische Anleitung zur Beseitigung der co-abhängigen Möglichmacherinnen des patriarchal-kapitalistischen Suchtsystems, zur Emanzipation des Mannes aus seiner reproduktiven Unterforderung und zur Kollektivierung der Sorgearbeit. Statt einer rhetorischen Abschaffung der Frau wie im inklusiven Feminismus (Mainstream-Feminismus) und dem Ersatz durch geschlechtsneutrale Begriffe wie Elternteil und Carearbeiter*innen plädiere ich für die Vollendung des rhetorischen Auslöschungsprozesses der Frau mit der Abschaffung ihrer unbezahlten Arbeitskraft.
Die paritätische Männerbeteiligung in der Sorgearbeit ist die Grundlagen allen sozialen Fortschritts.
Nachfolgend führe ich durch die wichtigsten Punkte des Manifests und starte mit der Klärung einiger Begriffe, die zum Verständnis des Problems – das kapitalistische Patriarchat als Suchtsystem – erforderlich sind. Dabei ist es für die schonungslose Offenlegung des Zustands notwendig, keine Euphemismen (Demokratie statt männliche Plutokratie), Beschwichtigungen (Sexismus statt Misogynie), akademische Konzepte (Masculinities statt Männer), sturen Optimismus („Es hat sich schon so viel getan“) und technische Zukunftsversprechen („Mehr Freizeit durch Digitalisierung“, „Begleitroboter gegen soziale Isolation“) zu vertrauen, sondern die Patriarchatskritik als zentrales Korrektiv für den matriarchalen Umbau zu nutzen. Dazu verwende ich Passagen aus dem Manifest wie hier zum Thema Realitätsverdrängung:
Es ist entscheidend, die Realität der Geschlechterasymmetrie begrifflich zu verorten und die Hausfrau, Mutter und Alleinerzieherin nicht aus der Care-Rhetorik zu vertreiben, weil sie es sind, die aufgrund Unentlohnung und Überlastung die schlechteste Verhandlungsmacht haben. Sprechen wird von einer Demokratie als vermeintlicher Ausgangslage, bleiben Radical Care, Caring Communities, Caring Societies und Caring Democracies substanzlose Wunschvorstellungen, die den Prozess der Transformation von einem Patriarchat zu einem Matriarchat verunklären. Ohne die Prämisse der Frauenunterdrückung und Männerignoranz als Ursache aller Probleme, werden logische Schlussfolgerungen vereitelt. Vor jeder Anrufung »Sorgenden Wirtschaftens« oder der Vergesellschaftung bzw. Verteilung privater Frauenarbeit in die Verantwortung der Gesellschaft muss die mangelhafte Männerbeteiligung und die Nichtentlohnung der Hausfrau benannt und behoben werden. Der Kampf um Gerechtigkeit muss von der unbezahlten Sorgearbeit ausgehen, weil sie die Quelle der Gewalt, Ungleichheit, Entgrenzung und Lohnsklaverei ist. Um die Sorge-Aktivierung des Mannes und die gerechte Zuweisung von Betreuungsaufgaben umzusetzen, wird die bedingungslose Sorgearbeit der Frau mit ihrer Abschaffung demokratisiert.
Warum parafeministisch?
Ich habe mich für diese Wortwahl entschieden, weil ich mich mit vielen sogenannten „Feminismen“ nicht identifizieren kann. So glaube ich weder an eine Verbesserung der Situation der Frau im gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem des Kapitalismus wie es sich der liberale Feminismus vorstellt oder an ein Opt-out durch geschlechtliche Deidentifikation wie es im Queerfeminismus angedacht ist. Weil Geschlecht eine reproduktive Kategorie und Gender in der ursprünglichen Verwendung als Geschlechterrolle mit einer gesellschaftlichen Zurichtung einhergeht, kann sich die Frau aus ihrem Frausein nicht mittels einer Geschlechtsidentität oder eines selbstgewählten Genders (z. B. nichtbinär, agender oder trans) herausidentifizieren.
Ich vertrete die Ansicht des genderkritischen Feminismus (Holly Lawford-Smith1), der Frauen als eigene Klasse oder Kaste betrachtet, die alle das gleiche Los verbindet: von der Gesellschaft dazu auserkoren zu sein, mehr unbezahlte Sorgearbeit für andere und mehr sexuelle Dienste für Männer leisten zu müssen als dies umgekehrt der Fall ist.
Weil sie dabei emotional von Männern abhängig gemacht, domestiziert und in die Vereinzelung getrieben wird, verstehe ich unter der Befreiung der Frau auch immer ihre Befreiung aus der Beziehungssucht hin zu einem selbstbestimmten Leben, das auf der Eigensorge aufbaut und Sorgegemeinschaften begründet.
Trotz der feministischen Taufe, die jede Mutterschaft bei der Frau auslöst, festigt sie dieser Punkt lediglich in ihrer Co-Abhängigkeit, die als Grundpfeiler der gesellschaftlichen Moral sowohl eheliche als auch politische Stabilität garantiert. Frauen sind duldende Komplizinnen der Geschlechterasymmetrien, weil sie aus der Zustimmung zur Privilegierung des Mannes Anerkennung beziehen, nach der sie süchtig werden. Der heutige Fairness-Feminismus resultiert aus der Panik vor dem Entzugssyndrom, weil sich hörige Frauen fürchten, dass ihnen die Anerkennung des Mannes und die gesellschaftliche Bestätigung genommen werden, wenn sie nicht mehr das Gewaltregime mitgestalten, als Kontrolleurinnen der kapitalistischen Arbeitsdisziplin auftreten und ihre sexuelle Hingabe verweigern.
Was ist Co-Abhängigkeit?
Unter Co-Abhängigkeit versteht man die Sucht nach anderen Menschen und deren Problemen, um mit sich selbst und anderen ehrlichen Kontakt oder Nähe zu vermeiden. Co-Abhängigkeit ist sowohl die systemische Krankheit des fest in der Gesellschaft verankerten Suchtprozesses, der unser zwanghaftes Verhältnis zur Arbeit, Sexualität oder zum Konsum widerspiegelt. Weil jedes Individuum das System in sich trägt, lässt sich unter Co-Abhängigkeit aber auch die spezifische Sucht nach emotional nicht verfügbaren Personen (Beziehungssucht) und deren patriarchalen Problemen wie Substanzabhängigkeit, Arbeitssucht, Kaufsucht, Sexsucht etc. verstehen. Sucht und Co-Abhängigkeit bilden die Primärerkrankung des kapitalistischen Patriarchats, in dem Menschen als human doings (leistungsbezogene Menschen) auf Außenorientierung und einen ultimativen Individualismus hinkonditioniert werden, der dazu führt, dass einzelne zu Helfern abgerichtete Individuen die ganze Welt retten sollen.
Feministisch betrachtet versteht sich Co-Abhängigkeit als die emotionale Abhängigkeit der statusschwachen Frau von dem gesellschaftlich glorifizierten Mann, den sie durch ihre Kümmersucht, aus der sie ihre Bestätigung zieht, aus seiner Verantwortung entlässt. Wie der kontrollierende Co-Abhängige den Süchtigen in die Unehrlichkeit und Selbstzerstörung manipuliert, zementieren die Enabler oder Möglichmacher des Suchtsystems die patriarchale Ignoranz, indem sie das Zusammenspiel aus Macht, Geld und Unwillen mit ihren kurzsichtigen Instantlösungen temporär ausbalancieren und eine Genesung des darunterliegenden Krankheitsprozesses unterbinden.
Die einseitige Sorgeverantwortung versetzt Frauen in einen vulnerablen Zustand, der rebellisches Potential absorbiert. Man indoktriniert sie von Kindesbeinen an, fürsorglich zu handeln, und bestärkt sie in dem Wunsch, von Männern begehrt zu werden. Sie lernen, dass im Geliebtwerden ihre Bestimmung liegt. Bei erlittener Partneraggression entwickeln sie Umschuldungsfantasien und entschuldigen Übergriffe eigenverantwortlich mit der auf sie übertragenen Gewaltprävention. Durch die Legitimationskrise der vakanten männlichen Sorgeposition produziert unser System rhetorische Hausmänner, die sich selbstinfantilisierend mit dem Mantra ihrer prinzipiellen Bereitschaft durchlavieren und wie große Babys auf geeignete Umstände für ihren Einsatz warten. Aus dieser Alternativlosigkeit heraus rekurriert die Frau auf ihre harmoniestabilsierende Kümmerrolle und ihren Bambi-Reflex, mit dem sie die strategische Inkompetenz des Mannes belohnt. Durch ihre Dienstbeflissenheit entwickelt sich eine Gefallsucht, die ihre Selbstachtung torpediert, sie tolerant gegenüber Grenzüberschreitungen macht und in die Verleugnung treibt. Als Moralapostel, mütterliche Vollstrecker des Patriarchats und Protektoren der Illusion männlicher Großartigkeit stabilisieren Frauen ein Suchtsystem, das ohne ihre Co-Abhängigkeit nicht möglich wäre.
Das Problem – die Lösung – die Umsetzung (das Programm der Taten)
Unter Feststellung des Problems verstehe ich – ähnlich wie die Aufgabe der Verleugnung bei der Suchterkrankung – das Ende der Verschleierung der patriarchalen Katastrophe durch Begrifflichkeiten, die uns Fortschritt statt Ausbeutung und Untergang insinuieren. Weder leben wir in einer Demokratie noch sind wir gleichberechtigt, sicher oder frei zu entscheiden, wie wir unsere Kinder großziehen, mit welchen Arbeiten wir unseren Lebensunterhalt verdienen oder ob wir in gesunden Umgebungen wohnen. Das Fundament für den Genesungsprozess bildet die Kapitulation, das Eingeständnis des Bankrotts eines Systems, das auf Ausbeutung, Hierarchien und Unehrlichkeit – oft getarnt durch Nettigkeit – setzt.
Nach Feststellung des Problems – das kapitalistische Patriarchat als Suchtsystem – und der spezifischen Ausbeutung von Frauen kann die langfristig-idealistische Vision nur die Rückführung zu einem Matriarchat sein, in dem sich eine Gesellschaft rund um Mütter und Menschen organisiert, die Sorgearbeit leisten und die Natur bewahren.
Die kurz bis mittelfristige Umsetzung dazu erfordert die persönliche Sucht- und Traumagenesung in Selbsthilfegruppen, die wechselseitige Hilfe fördern, aber auch die Instandsetzung von Kooperationen zur Selbstversorgung mit Lebensmitteln und zwar ausgehend von einem flächendeckenden Aufbau von Gemeinschaften zur Kollektivierung von Sorgearbeit. Diese selbstverwalteten Sorgezentren funktionieren nach dem spirituellen Prinzip der Geschlechterbalance und setzen feministische Forderungen um: paritätische Männerbeteiligung in reproduktiven Tätigkeiten, Entlohnung der Hausarbeit zur Aufwertung weiblicher Sorgearbeit, Entkriminalisierung von Abtreibung, Aufhebung von Geschlechterasymmetrien und einem entschiedenen Gender-Abolitionismus, also der Abschaffung der kapitalistischen Leistungsideale von Männlichkeit und Weiblichkeit.
Indem wir mit der Kapitulation starten, begeben wir uns in eine prozessuale Ungewissheit, die uns für den Kontakt mit anderen empfänglich macht. Dabei orientieren wir uns in jedem Gemeinschaftsaufbau an matriarchalen/spirituellen Werten (Gewaltfreiheit, Naturverehrung und Gleichbehandlung) und werden bereit, die patriarchalen Strukturgeber der Erwerbsarbeit (Lohnspreizung, Nichtentlohnung der Frau, Ausbeutung von Arbeitskräften und der Natur), der kolonialen Machthierarchien bzw. der Herrschaft eines Volkes über andere (Imperialismus) und der Unterordnung von Frauen (Androzentrismus und Misogynie) aufzugeben. Die Lösung liegt im Aufbau von Sorgezentren, die als Ersatz für die zerstörten Matri-Clans lebenslange Sicherheit, Versorgung und soziale Bindungen garantieren und die Fragmentierung sozialer Strukturen durch eine Sozialbearbeitung von zu Problemfällen abgewerteten Symptomträgern unterbinden.
Dazu müssen wir uns mit Selbstinventuren und Realitätsschocks eine Entgiftungskur verabreichen. Wir müssen aus dem tiefen Entzugsschmerz der selbstgenügsamen Isolation treten und ihn als Folge der verpanzerten Verhältnisse verstehen. Erst wenn wir gewillt sind, uns selbst zu ändern, können wir die Gesellschaft ändern. Über ehrliche Erfahrungsberichte können wir zu einer Praxis des Vergemeinschaftens gelangen, uns den Reichtum unterschiedlicher Existenzweisen aneignen und in sichere, nährende Zusammenschlüsse integrieren. Wenn wir den Kontakt zu unseren Körpern und Gefühlen aufnehmen, werden wir nicht mehr zulassen, uns mit ungesunden Nahrungsmitteln, kontaminierter Kleidung, schädlichen Wohnumgebungen, Konkurrenzdenken und Reizüberflutung zu beschädigen. Die gemeinschaftliche Genesung von unseren Süchten mit ihrem der Authentizität verpflichteten Austausch soll im Prozess der Selbstbewusstwerdung die Trennung von intimer Privatheit und politischer Öffentlichkeit transzendieren.
Das geschlechtsspezifische Süchtigmachen
Der größte Erfolg des Kapitalismus ist die soziale Kontrolle der Bevölkerung über den Konsum und ihre Individualisierung und Abschottung von gemeinschaftlichen Erfahrungen. Das geschlechtsspezifische Süchtigmachen der Verbraucher bedeutet eine Paralysierung des Widerstands gegenüber lebensfeindlichen Zuständen und eine eskalierende Selbst- und Fremdschädigung. Der Mensch findet nur noch Befreiung in der Realitätsflucht, für die er Substanzen (Zucker, Alkohol, Medikamente), Techniken (Therapien, Ratgeber) und Verhalten (Ficto-Sex, romantische Verblendung, Gambling, Mediennutzung) einsetzt, um damit eine illusorische Form der Selbstkontrolle zu behaupten. Frauen werden als „Pick me Girls“ im kapitalistisch-patriarchalen Suchtsystem sozialisiert und vom Urteil und der Bestätigung des statusstärkeren Mannes abhängig gemacht. Sie sind süchtig nach Männern und ihren Problemen und verschaffen sich Genugtuung, wenn sie die von Männern verursachten Probleme reparieren können. Co-Abhängige sehen ihre Bestimmung darin, sich für andere unentbehrlich zu machen. Während der Mann von der Erwerbsarbeit süchtig gemacht wird, um seinen schlechten Selbstwert mit Status zu kompensieren, setzen Frauen auf ihre Fürsorglichkeit, um gemocht zu werden und unersetzlich zu bleiben.
Solange unsere Probleme nicht als symptomatisch für den Suchtprozess gesehen werden, müssen die Gelabelten arretiert, psychiatrisiert und therapiert werden, damit sie keine Bedrohung darstellen und ihre Konsumfähigkeit nicht verlieren. Wir müssen die Frau als Systemerhalterin entfernen, weil ihre Versorgermentalität Gewaltstrukturen stabilisiert. Ihre Co-Abhängigkeit bewahrt die Gesellschaft vor einem Tiefpunkt, der für jeden Genesungsstart erforderlich ist. Weil der Suchtprozess aber bereits so weit fortgeschritten ist, dass ein Tiefpunkt für den ganzen Planeten in der totalen Vernichtung enden würde, bleibt uns nichts anderes übrig, als die weiblichen Stützen der süchtigen Gesellschaft zu schleifen.
Genderismus hat nichts mit Feminismus zu tun
Die queere Theorie (es gibt so viele „Gender“ wie es Menschen gibt) verfolgt eine Pluralisierung der Geschlechtsidentitäten bei gleichzeitiger Negation der grundlegenden Binarität wie sie sich in der reproduktiven Differenz der Geschlechter ausdrückt. Queer entzieht sich wie der Ausdruck „Geschlechtsidentität“(bzw. „Gender“ in der neuen angeeigneten Form) jeder Definition und lässt sich nicht kategorisieren. Ich weigere mich daher lesbische/schwule Orientierungen mit queer zu bezeichnen, weil sie nicht unbedingt etwas damit zu tun haben müssen. Außerdem glaube ich auch nicht an eine angebliche Normalität, die Queerness als Pauschalurteil legitimieren würde. Dass Frauen sich nicht mit ihrem Geschlecht identifizieren wollen, ist Folge eines Feminismus, der keine Forderungen mehr stellt, der sie vom Wohlwollen der Männer abtrennen könnte, und unter der Befreiung der Frau ihre Anpassung an ein Gewaltsystem versteht. Dass sich Männer aus ihren engen Geschlechtergrenzen befreien, sofern das überhaupt geschieht, ist nicht queer oder seltsam, sondern Teil einer notwendigen matriarchalen Offensive, die mit der Emanzipation der Männer aus der reproduktiven Unterforderung weiterverfolgt werden muss, ohne ihre Befreiungsabsichten wie bisher nur in das bestehende System zu kooptieren (z. B. auch Männerarbeit zu hausfrauisieren/schlecht zu entlohnen).
Der geschlechtsnegierende Genderismus, der das Geschlecht abschafft oder beliebig herstellbar macht, treibt die Gebärfähigkeit, den Schlüsselfaktor in der Verschiedenheit der Geschlechter, ad absurdum. Während sich Männer ihre Exklusivität bewahren dürfen, ordnet sich das weibliche Geschlecht in eine immer länger werdende Reihe mit anderen Minorisierten ein, die die neue Klasse der Nichtmänner bilden. Die neuen Invisibilisierungs- und Verstummungstechniken verschanzen sich in kryptischen Akronymen und praxisfernen Diskursen. Was als Schutzraum gedacht wird, treibt die Geschlechterapartheid auf die Spitze. Die angebliche Pluralisierung nährt die Unsagbarkeit der Dinge, an denen unser Zweiklassensystem tatsächlich krankt: an der Misogynie, am Phallozentrismus und an deren suchtartiger Verleugnung.
Warum ich den Begriff „queer“ ablehne
Im Gegensatz zur lesbischen/schwulen Identität muss die queere Identität nicht auf einer positiven Wahrheit oder einer stabilen Realität beruhen. Eigentlich ist Queersein das genaue Gegenteil von schwul oder lesbisch sein, weil eine gleichgeschlechtliche Orientierung immer die Existenz eines klar definierten Geschlechts voraussetzt. Queer bezieht seine Bedeutung aus seiner oppositionellen Beziehung zur Norm. Queer ist per Definition alles, was im Widerspruch zum Normalen, Legitimen und Dominanten steht. Es gibt nichts Bestimmtes, worauf es sich notwendigerweise bezieht. Es ist eine Identität ohne Essenz. Blaue Haare oder ein Nasenring können ebenso als queer gelten wie Männer mit langen Bärten oder Frauen mit kurzen Fingernägeln.
Geschlecht ist nicht nur eine reproduktive, sondern die zentrale strukturierende Kategorie, auf der das älteste und rigideste herrschaftliche Machtgefälle beruht: die Erfindung von »Männlichkeit« und »Weiblichkeit« als patriarchal-kapitalistische Leistungsideale. In unserer von Geschlechterasymmetrien durchsetzten Zweiklassengesellschaft nehmen Frauen als Nichtmänner die minderbewertete Position ein. Sie sind diejenigen, die Männern dienen, weltweit das Gros an unbezahlter Arbeit verrichten und deren reproduktive Fähigkeit im Gegensatz zur Geburtsunfähigkeit der Männer eine grundlegende Binarität erzeugt.
Sex ist Arbeit für die Frau im Kapitalismus
Ich lehne die gegenwärtigen feministischen Positionen in Bezug auf die Sexarbeit ab, weil sowohl die Abolitionisten als auch die Befürworter inklusive den vermeintlich „Sexpositiven“ eine rein androzentrische Sichtweise vertreten, die das weibliche androphile Begehren, das von Männern bedient werden will, außer acht lassen. Obwohl noch immer keine einzige Pornokategorie für Frauen existiert, wird uns das Märchen vom feministischen Porno erzählt, mit dem wir abgelenkt und für andere zugänglich bleiben sollen. Selbst der „Sexpositive Feminismus“ ignoriert weibliches Begehren und unterbindet die Promiskuität der Frau durch die Auslagerung von Sex für Frauen auf eine mediale Porno-Simulation und Masturbationsanleitungen zur Selbstbesänftigung. Sex wird uns als Fantasieprodukt verkauft, das uns in die digitale Isolation und die soziale Anorexie der Kontakt- und Beziehungsvermeidung treibt. Zum einem unterbindet die historische Kastration der Frau – der Umstand, dass Frauen Respekt, aber niemals anderer Leute Geld, Zeit oder Sex beanspruchen – die Umsetzung einer ausgewogenen Männerbeteiligung in der Sorgearbeit, zu der auch die Sexarbeit zählt. Der weitaus triftigere Grund, warum Frauen in ihrer Wunschlosigkeit erstarren, ist aber, dass sie sich mit ihrer Kümmersucht ihre eigene Dröhnung besorgen und von dieser Sonderstellung emotional abhängig sind. Sie tun alles, um nicht ihren Drogenvorrat an ihnen wohlgesonnenen Männern und patriarchalen Institutionen zu riskieren.
Die Prostitution war die erste Hausarbeit, die vergesellschaftet wurde, um Männern außerhalb der ehelichen Grundversorgung professionelle Befriedigung zu verschaffen, und ist der einzige Sorgebereich, der einen unilateralen Dienst am Mann verfolgt, wie er sonst nur noch im Barbierwesen und am Berg Athos existiert. Spätestens bei der Untersuchung des Herrendiensts wird ersichtlich, dass die Emanzipation nie stattgefunden hat und dass die Aufgabe der Frau auch nach sämtlichen feministischen Glanzpunkten noch immer dieselbe ist: den Mann und seine Nachkommen bestmöglich zu servicieren.
Das kapitalistische Patriarchat ist ein Suchtsystem
Durch die Domestizierung der Frau und ihren Ausschluss aus den männlichen Machtbereichen hat sich ein polarisierender Abhängigkeitsverlauf etabliert, in der zur Drogen- Sex- und Arbeitssucht abgerichtete Egomanen auf mütterlichen Kümmerexistenzen treffen. Sie bearbeiten die Gefühlsverhärtung ihrer Partner mit dem Langmut von Märtyrerinnen, um sich damit von ihrer eigenen Suchtgenesung bzw. co-abhängigen Existenzweise abzulenken. In unserer dysfunktionalen Gesellschaft, in der der Mensch nicht für das geliebt wird, was er ist, sondern für das, was er leistet, gehört es zum Überlebensmechanismus der Süchtigen, über die Arbeit oder das Gebrauchtwerden Bestätigung und Selbstakzeptanz zu erlangen. Um die Leere der Einsamkeit und der fehlenden Liebe aushalten zu können, verabreichen wir uns Schmerzmittel, die uns temporär ein wärmendes Gefühl verschaffen. Das kapitalistische Suchtsystem funktioniert, weil Menschen darin über ihre Scham kontrolliert werden und die Aufrechterhaltung einer glanzvollen Oberfläche für wichtiger anerkennen als die ehrliche Auseinandersetzung mit ihrer deprivierten Lebensweise. Ein System, das den Suchtprozess verleugnet, manövriert sich in eine totale Änderungsresistenz. Es muss die Bedürfnisse nach Akzeptanz, Pflege und menschlicher Nähe auf einen Konsumismus umleiten, der alle suchtbedingten Symptome zu marktfähigen Krankheiten verwertet.
Psychiatrische, psychologische und sozialtherapeutische Interventionen fördern co-abhängige Kontrolldynamiken und unterstützen die Leugnung des systemimmanenten Suchtprozesses, indem sie uns mit Tranquilizern und Resilienztechniken an das Konsum- und Leistungsparadigma ketten. Die Dominanz des individualisierenden und differenzierenden Krankheitsmodells im Einparteiensystem der therapeutischen Gesundheitsfürsorge festigt seine Marktanteile durch eine kontinuierliche Erweiterung störenden Verhaltens. Medizinische Scharfrichter, Gutachter und mit Deutungsmacht Autorisierte beschneiden unser Mitbestimmungsrecht und machen uns zu entmündigten Patienten, die von Verfahren abhängig werden, die sich einer Selbstausübung entziehen. In geheimnistuerischen Inquisitionen erklären sie uns unser Befinden und bestimmen, was einen Krankheitswert hat und uns zum Pausieren berechtigt. Sie animieren uns mit ihren Schnellreparaturmethoden zum süchtigen Weitermachen, damit wir möglichst oft auf ihre monopolisierten Dienste angewiesen sind. Ihr Expertentum verhindert egalitäre Interaktion und unterminiert unser seelisches Grundbedürfnis nach reziproker Ehrlichkeit und vorurteilsfreiem Angenommensein. Ärztliche Autoritäten unterstützen die Formen der Selbstbetäubung und hindern uns daran, an unseren lebendigen Prozessen teilzunehmen. Sie partizipieren an der Leugnung der politisch-ökonomischen und soziokulturellen Bedingtheit von Krankheit und profitieren als deren wesentliche Stützen von ihrer Verankerung im Suchtsystem.
Psychopathologisierung und Sozialbearbeitung
Wir befinden uns in einer Situation, in der jedem ein eigener Sozialarbeiter zugewiesen werden kann, jedem Körperteil ein Experte, jeder Diagnose ein Medikament, jeder Überforderung ein Resilienzversprechen. Wir lassen uns von Fachärzten oder Spezialisten behandeln, die sich nicht mit unserer Situation vertraut machen, und haben Psychiater, die meinen, die Psyche von zu Patienten passivierten Krankgemachten losgelöst vom übrigen Körper und dem patriarchalen Suchtsystem heilen zu können. Selbst den vielen Alkoholikern rücken – trotz der Existenz von Suchtgemeinschaften – professionelle Coaches und Lebensberater auf den Leib, sodass dem Betroffenen jede Chance genommen wird, Eigenverantwortung zu übernehmen, Selbstheilungskräfte zu mobilisieren und seine Erfahrungen sinnstiftend an andere weiterzugeben. Mit anderen Worten hat das Suchtsystem nur eines im Sinn: die Menschen zu vereinzeln, von einer Expertenmacht abhängig zu machen und sie an der Verbindung mit Gleichgesinnten zu hindern, um aus ihrer Individualisierung und Invalidisierung den maximalen Profit herauszuholen.
Die psychiatrische Analyse wird von einer Normierungsdominanz geleitet, die das dort Erzählte und Ermittelte zum Verschwinden bringt und nur gelten lässt, was sogenannte Spezialisten zu einer Theorie verwursten. Die Priesterkaste der Wissenschaftler und Ärzte betreibt epistemische Vergewaltigung, weil sie die Definitionsmacht über die abwegige Realität ihrer Objekte beansprucht. Besonders Frauen, die durch Körperentfremdung, mangelnden Entwicklungsspielraum und fehlende Vorbilder verstört, individualisiert und hörig gemacht wurden, werden in ein monopolisiertes Medizinsystem getrieben, das ihre Chancen auf einen selbstbestimmten Genesungsprozess kupiert. Aufgrund ihrer medikalisierten Mentalität halten die in eine Duldungsstarre katapultierten Patienten ihre Diagnostizierung und Scheinreparatur sogar für erstrebenswert und bemerken nicht, dass sie ihren Subjektstatus verlieren, sobald sie sich in Behandlung begeben und sie und ihre Befunde in das Räderwerk der Verwaltung geraten.
Wer hat Angst vorm Matriarchat?
Süchtige verabscheuen ihre Verletzlichkeit und zu viel Intimität. Kontakt mit anderen ist für die Menschen im Suchtsystem am besten mit sozialen Schmiermitteln wie dem Alkohol zu ertragen. Die Auslagerung von Sorgearbeit an Frauen und marginalisierte Menschen bewirkt, dass wir jedes Gefühl für eine egalitäre Gruppenperspektive und gemeinsame Ausrichtung verlieren. Die Geschlechterapartheid fordert den ständigen Beweis der Überlegenheit des Mannes, der seine Verwiesenheit auf alles weiblich Gelesene leugnen muss. Um eine matriarchale Sorgegesellschaft zu wollen, müssen wir erst lernen, uns für unsere Bedürfnisse nach Selbstwert, verlässlichen Bindungen, emotionaler Offenheit und Zugehörigkeit nicht zu schämen. Wir müssen unsere Abhängigkeit von Expertenbefugnissen aufgeben und Verantwortung als Laien übernehmen. Weil wir uns aber an Verantwortungsabgabe, Stimulanzien und Narkotika gewöhnt haben, die uns der Konsumismus und das Leistungssystem bereithalten, fürchten wir uns vor dem Entzug von unseren Bewältigungshelfern und dem Ende unseres Ersatzlebens.
Männer müssen von ihrer High-Performance-Sucht und ihrer karriereobsessiven Selbstausbeutung genesen und stattdessen in Berufen dominieren, wo emotionale Arbeit verrichtet wird, die dem Gemeinwohl dient. Damit Fürsorgearbeit an Relevanz gewinnt, müssen sie sich in sämtlichen Bereichen exponieren, egal ob in der Altenpflege oder der sexuellen Versorgung. Das ist das Primärziel eines Systemwechsels, der uns zum Matriarchat bringt. Das Matriarchat hat nichts mit einer Gynaikokratie oder Herrschaft von Frauen zu tun, sondern mit kompromissloser Egalität in der gleichberechtigten Behandlung der Nachkommen. Im Unterschied zum Patriarchat setzt es die Potenz der Frau, Leben zu schaffen, an den Ursprung, sodass sich eine derartige Gesellschaft nach Müttern und Menschen richtet, die mit der Ausführung von Pflegearbeiten betraut sind.
Sorgearbeit ist gewaltpräventiv
Während der Erwerbsarbeitszwang längst auch für Mütter gilt, hat sich Männern gegenüber eine bemerkenswerte Schonhaltung etabliert, was die gesetzliche Umsetzung ihres partnerschaftlichen Hausarbeitsbeitrag betrifft. Würden sich Männer mit ebensolcher Intensität um die Bedürfnisse ihrer Kinder kümmern, kämen sie nach Dekaden an emotionaler Knochenarbeit nicht auf die Idee, diese in Kriege zu schicken oder anderweitige Männlichkeitsbeweise von ihnen abzuringen. Auch hätte sich ihr Zwang, sich von Frauen abzugrenzen, aufgelöst, und die Agenden der Degrowth-Bewegungen, der ökosozialen Transformationen und rhetorischen Care-Initiativen, die glauben ohne den Feminismus und eine matriarchale Perspektive auskommen zu können, wären längst Wirklichkeit geworden.
In den abgeriegelten Sucht- und Unterdrückungssystemen der Kleinfamilien erschöpfen sich isolierte Mütter am patriarchalen Liebes- und Elternideal. Die romantische Überfrachtung der Ehe versucht die in der Sesshaftwerdung eingeführte Beziehungsform zur Einhegung weiblicher Sexualität positiv aufzuladen, indem sie sie an ein Glücksversprechen koppelt. Obwohl die meiste Gewalt in der Abgeschiedenheit ehelicher Verbindungen passiert, wird es zu einem besonders für Frauen erstrebenswerten Lebensmodell umgedeutet. Der Staat bedient sich manipulativer Mittel und Alibihandlungen, um die mütterliche Verfügbarkeit und ihre soziale Pufferrolle in einer ökonomisierten Leistungsgesellschaft zu verewigen. Die Trommelfeuer identitätsprägender Bilder von puppenhaften Vorzeigefrauen und reproduktiven Karrierekörpern haben die Mutterkreuze der Vergangenheit abgelöst.
Frauenentwertung: Kein Nebenwiderspruch, sondern die Basis jeder weiteren Hierarchisierung und Diskriminierung
Unter der ursprünglichen Akkumulation, die sich beim Aufstieg des Kapitalismus vollzogen hat, verstehen marxistische Feministinnen die Degradierung und anschließende Aneignung der Frauenkörper zur Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft, die es erst möglich macht, Menschen von einer Erwerbstätigkeit abhängig zu machen. Der Nichtentlohnung der Frauen geht jede weitere Machtausübung über den Lohn und die Entwertung der außerhäuslichen Frauentätigkeiten voraus. Damit Frauen nicht auf die Idee kommen, Geld für ihren Haushaltsdienst zu verlangen, sozialisiert man sie mit den Verstummungstechniken der Körperbeschämung, Schuldumkehr und Schlampifizierung. Außerdem wird das Mittel der diskursiven Verschiebung eingesetzt, um die weibliche Ausbeutung unsichtbar zu machen, z. B. in Form der Verwendung von „inklusiven Ausdrücken“ wie bei Sexarbeiter*innen oder der Unbenennung von unbezahlter Arbeit zu Care. Zahlt man Männern selbstverständlich einen Lohn für ihre Leistung, verdächtigt man Frauen, eine Herdprämie einzufordern, Almosen zu erbetteln oder „richtiger Arbeit“ aus dem Weg zu gehen, wenn sie Geld für ihre „Liebesdienste“ einfordern.
Während matriarchale Gesellschaften auf die Balance und Egalität der Geschlechter achten, liegt im Patriarchat die faktische Macht über die Frauen in den Händen von Männern. Die Behauptung überlegener Männlichkeit gründet auf sorgfältig gepflegten Mythen und wird durch geschlechtsspezifische Normierungen in einem unentrinnbaren System binärer Rasterungen aufrechterhalten. Damit wird das Geschlecht zu einem Ordnungsfaktor, der eine trügerische Stabilität in einem System suggeriert, das in Wirklichkeit kontrollierte Unterdrückung und Zerstörung kultiviert. Die Zerschlagung des rebellischen Potentials der Frauen im Kampf gegen Ausbeutung wurde durch die Entwertung ihrer der Profitmaximierung gegenläufigen Tätigkeiten und der Vernichtung der Hexen abgeschlossen. Sie ist nicht revidierbar und wird durch die medizinischen Werkzeuge der Pathologisierung und Psychologisierung fortgesetzt, die keine Hinweise auf die gesellschaftliche Verursachung der individualisierten Probleme liefern. Die trotz politischer Gleichberechtigung fehlende Macht der Frau entlarvt die Tatsache, dass Emanzipation nie stattgefunden hat und lediglich als Betäubungsspritze eingesetzt wird, um das Gewaltsystem gegen Umstürze zu immunisieren. Frauen sind darin die Reservearmee, deren niedrig bezahlte Arbeitskraft als Druckmittel eingesetzt wird, um das Lohnniveau zu senken. Ihre Themen landen auf der Agenda der Parteien, wenn sie rassistisch instrumentalisiert werden können oder um den männlichen Chauvinismus innerhalb der eigenen Organisation mittels symbolischer Einzelmaßnahmen zu bewältigen.
Unveränderte Geschlechterasymmetrien
Obwohl angeblich so immens viele Fortschritte (Wahlrecht und Erwerbsarbeitszwang) auf dem langen Weg der Frauengleichstellung gemacht wurden, haben Frauen keinerlei Machtzuwachs erfahren. Wurden Frauen früher als Huren beschämt, wenn sie ihre dienende Sklavenmentalität ablegten und als Hexen verfolgt und diffamiert, wenn sie sich nicht kolonisieren und enteignen lassen wollten, reicht es heute für die Genese neuer Schimpfwörter aus, eine eigene Meinung zu haben oder Frauenräume zu verteidigen. Weder hat sich der Zugriff auf die Körper von Frauen, ihre Sexualität und ihre Reproduktion geändert noch die Weigerung des Mannes, sich äußerlich auf ein weibliches Design einzulassen oder sich in gleicher Weise in die unbezahlte Sorgearbeit einzubringen wie Frauen es tun.
Solange sich ein Mann in Sommerkleid der Lächerlichkeit preisgibt, uns unterwürfige Sprachassistentinnen dienen, Frauen zur Lustbefriedigung und zur unbezahlten Arbeit abkommandiert werden, Männer statt ihrer Fürsorgepflicht nachzukommen im Haushalt „helfen“, wir von konservativen Positionen statt von phallokratischen Zwangsverhältnissen sprechen, keine Arbeitszeitverkürzung umgesetzt wird und wir am Mythos der Professionalität festhalten, haben wir nichts an Gleichstellung erreicht.
Ausnahmslos alle Frauen und alle Männer sind misogyn. Jede Asymmetrie in den Geschlechterverhältnissen ist sexistisch. Unterwäsche-Anzeigen sind nicht sexy, sondern sexistisch, solange mit dem Sex-Appeal von Männern in Dessous keine Stimuluswerbung betrieben wird. Tätigkeiten, die hauptsächlich von Frauen für Männer oder ihre Kinder erledigt werden, wie die Versorgungs- und Sexarbeit, werden erst dann Würdigung erfahren, wenn Männer sie mit ebensolcher Priorität für Frauen erledigen.
Männer-Junkies und Pick-Me-Girls
Die Frau wird zur Androphilie und Misogynie abgerichtet. Sie verdingt sich als Adorantin, als Männerpflegerin, als heimliche Bewunderin, als Realitätsflüchtige, die in ihren Fantasien von Männern hofiert wird. Sie blüht auf, wenn sie von Männern begehrt wird und verwelkt, wenn sie ihre Fuckability verlässt. Erst in der Menopause gelingt es ihr, sich dem männlichen Verwertungssystem zu entziehen und von ihrer Wutunterdrückung zu genesen, sofern sie sich nicht vorher schon durch klassisch weibliche Süchte (essen, shoppen, traumahorten, digitale Medien, Romanzen) in die geistige Umnachtung katapultiert hat. Werden Männer von der Anerkennung, die sie aus Leistung, Produktivität, Konkurrenz, Wettbewerb und Prestige ziehen, abhängig gemacht, ist der größte Süchtigmacher für Frauen noch immer die Aufmerksamkeit des statushöheren Mannes.
Weil sie ohne ihre Bewunderung verwelken, müssen sie sich anbiedern, zwanghaft mit ihnen flirten und sich für sie kasteien. Sie verlangen nach entspannteren Huren, aber nicht nach Frauenkümmerern und Callboys zur Entspannung der Frauen. Eher als der Mann ist die Cisfrau an allem schuld. Seit Beginn der Frauenbefreiung lassen sich Frauen dazu verleiten, ihren Kampf aufzugeben, sich anderen Themen oder männlich dominierten Bewegungen unterzuordnen. Das war beim Abolitionismus der Fall, bei Friedens- und Umweltbewegungen und betrifft auch den heutigen Queerfeminsmus. Ob für Schwule, Schwarze, Kinder, Behinderte oder die Natur: Aus einem Gefühl der Minderwertigkeit setzt sich die Frau für alle Unterdrückten ein und hilft niemandem damit, weil ihr trotz politischer Gleichberechtigung die Macht dazu fehlt. Die Co-Abhängigkeit der Frau, ihre Obsession mit mehrheitsfähigen Werten, fairen Argumentationen, ihre Sucht nach Anerkennung und ihre wie selbstverständlich für die Belange anderer geltende Verantwortlichkeit sind schuld an der Totgeburt feministischer Gesellschaftskritik.
Leistungserbringer und Geldvermehrer
Während Frauen am besten über ihren Hang zur Selbstoptimierung als Sex- und Sorgedienstleistende manipuliert werden können, lassen sich Männer hervorragend über den Leistungswahn der Erwerbsarbeit kontrollieren. Selbst den Unfähigsten unter ihnen wird eingetrichtert, sie könnten durch Bemühungen,Verfügbarkeit, Fleiß und eine Selbstzurichtung zur Härte irgendwann zu Status und Macht gelangen. Die unterschiedlichen Abhängigkeitsschwerpunkte ergeben sich aus der Differenzierung in eine öffentliche Machtsphäre und die private Sphäre, in der die Frau – in Ermangelung gesellschaftlicher Anerkennung – auf die emotionale Bestätigung ihres Mannes angewiesen ist. Die männliche Arbeitssucht und die weibliche Co-Abhängigkeit als das am Außen und am Anderen fokussierte Verhalten zur Selbstbestätigung sind Bewältigungsstrategien von Individuen in einem hierarchischen Suchtsystem, deren unterdrückte Bedürfnisse nach gesunden Beziehungen mit Süchten kompensiert werden.
Die neoliberale Disziplinarmacht bedient sich der Suchtprozesse, in denen die Individuen auf sich selbst einwirken und über ihre Schamgefühle an der Produktion von Systemkonformität mitwirken. Süchtigmachen ist eine Herrschaftsform, die nicht auf Gewalt und Unterdrückung beruht, sondern auf einer kulturell erzeugten Akzeptanz von Suchtprozessen, die Körperdisziplinierung, Nutzenmaximierung und Produktivitätssteigerung mit Substanzen und zwanghaftem Verhalten als persönliche Wahlfreiheit zur Aufrechterhaltung der Beschäftigungsfähigkeit übersetzt.
Fazit: Alle Menschen in einem Suchtsystem sind Süchtige, wobei Suchtmittel und Stadium variieren. Wir haben den in der Gesellschaft erlernten Suchprozess verinnerlicht und leiden unter der Dysfunktion des Systems: Gefühls- und Körperbeschämung, Armut, Umweltzerstörung, Hierarchien, Autoritäten, Einsamkeit usw. Diese Erkenntnis birgt ein wichtiges Potential, nämlich die Möglichkeit des Aufbaus egalitärer Gemeinschaften zur Genese von der Sucht und zur weiteren Unterwanderung der sozialen Fragmentierung durch die Vergesellschaftung von Sorgetätigkeiten. Genauso wie die Verleugnung der Abhängigkeit ein Merkmal der Suchterkrankung ist, gehört es zum patriarchalen System, seine Destruktivität zu verschleiern, um den Status quo aufrechtzuerhalten und seinen Drogenvorrat an manipulierbaren Menschen nicht zu verlieren.
Anstatt die unbezahlte Sorgearbeit der Frau aufzuwerten, geschlechtsneutral auszubalancieren und zum Fundament des Lebens zu erklären, wird sie monetär nicht kompensiert und als abgekoppelt vom Wirtschaftssystem verstanden. Systemerhaltung erfolgt durch die Verbreitung von bürokratischen, medizinischen, beraterischen, akademischen und weiteren kontrollierenden Instanzen, die das Suchtsystem unter Einsatz der Co-Abhängigen kurzfristig reparieren. Sie helfen, den Schein zu wahren, täuschen Sicherheit vor, paralysieren durch Analysen, versprechen technologische Lösungen und bieten oberflächliche Schadenbehebung bei Krankheiten, die der Suchtprozess verursacht. In Wirklichkeit stehen sie den Selbstgenesungskräften im Weg und hindern Menschen am Aufbau von Eigenverantwortung und wechselseitigen Hilfsstrukturen, in denen uns Sinn und Zugehörigkeit durch Erfahrungsweitergabe statt Entmündigung von oben oder distanzierten „Helfern“ erteilt wird.
Das kapitalistische Patriarchat ist ein nekrophiles Sucht- und Gewaltsystem, das entlebendigte und abgespaltene Zustände fördert und von einer Defizitorientierung und geschlechtsspezifischen Anerkennungsökonomie gestützt wird. Erfährt die Frau in diesem Suchtsystem über ihre sexualisierte Andersmachung und das männliche Begehren einen „palliativen Fix“ in ihrem Zwang zu gefallen, den sie durch Optimierung ihres Aussehens und ihrer Liebesdienste intensivieren kann, erführe der Mann mit mehr sorgeverantwortlichem Engagement keine weitere Statusanhebung. Ihm kann nur die Entlohnung und Sichtbarkeit einer Erwerbstätigkeit die Abwehr von Minderwertigkeit und Scham garantieren und sein Verlangen nach vorbehaltloser Akzeptanz und aufrichtigem Kontakt ruhigstellen.
Geschlechterasymmetrien werden mit einem geschlechterdifferenten Süchtigmachen aufrechterhalten, in der Frauen und Männer der gesellschaftlichen Vorstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit gehorchen. Führt der Abbau der Klassen- und Geschlechterapartheid über die gleiche Entlohnung und Behandlung aller zu einer Rückbesinnung auf matriarchale Werte, kann das süchtige Ausagieren von unerfüllten Bedürfnissen, das uns nur eine temporäre Entlastung und Zugehörigkeit verschaffen kann, von ebenbürtigen Beziehungen in lebenslangen Sorgegemeinschaften abgelöst werden.

