Wider den Wohlfühlstern oder über den Schmerz, nie einfach nur Frau sein zu können
Die Frau ist zu binär! Und damit wieder einmal das altbekannte Mängelwesen, das das Patriarchat aus ihr gemacht hat. Organisiert sich ein Organismus um die Fähigkeit Kinder zu gebären, ist von Essentialismus und Ausschließlichkeit die Rede. Gerade wurde ich darüber aufgeklärt, dass auch „female“ oder weiblich aufgrund fehlender Inklusivität gemieden werden sollte. Auf meinen Einwand der übergriffigen Bevormundung erfolgte eine ungebetene Belehrung über die „Zuweisung von Geschlecht“. Anscheinend sind es nun die Frauen und die Feministinnen selbst, sich für für all jene, denen das „Label Frau“ aufgezwungen wurde und deren freiwilligen Austritt aus der binären Geschlechterordnung verantwortlich zu fühlen. Dabei ist Frausein keine Identität, sondern eine reproduktive Kategorie, die eine folgenschwere Sozialisation nach sich zieht, die bisweilen zu Patriarchatsgefügigkeit und Co-Abhängigkeit1 führt. War es das Anliegen der feministischen Linguistik, Frauen in der Sprache mit der Beidnennung oder dem Binnen-I sichtbarer zu machen, werden sie heute im Namen der queeren Gendervielfalt als eigene Kategorie abgeschafft. Dieser Umstand wird durch einen Stern am Ende besiegelt und durch ein Genderzeichen am Beginn der weiblichen Endung, zu dem ein blinder Gehorsam zu existieren scheint. Hatte die Frauenbewegung „Frau“ als politisches Subjekt verankert und dafür gekämpft, dass die Bezeichnung „Frau“ auf alle erwachsenen weiblichen Personen angewandt wird und nicht nur auf die verheirateten, muss sie heute entschärft, erklärt und relativiert werden, weil ihr sonst übertriebene Alleingültigkeit unterstellt wird. Dass dieser neu implementierte Makel nachdenklich stimmt, möchte ich mit dem berührenden Artikel von Dorothee Markert verdeutlichen, in dem sie die frauenpolitische Bedeutsamkeit der Bezeichnung „Frau“ erklärt: „Als Mitgründerin jener Frauenbewegung, die unter diesem Namen große soziale Veränderungen bewirken konnte, schmerzt mich jedes Abrücken von der großzügig umfassenden Bezeichnung ‚Frauen‛ und jede Relativierung durch Bindestrich-Zusätze. Denn für mich war die Selbstbezeichnung als ‚Frau‛ und im sozialen und politischen Kontext als ‚Frauen‛ die erste und tragendste Errungenschaft jener Frauenbewegung, vielleicht sogar das, wodurch sie zu etwas Großem werden konnte.“2
Frau kümmert sich um die Belange anderer, dafür wurde sie schließlich sozialisiert. Es sind Frauen, die dafür zu sorgen haben, dass sich andere gut fühlen. Dafür opfern sie ihre Sichtbarkeit und nehmen die ideologische Aufladung in Kauf, die sich aus der Sternanbringung ergibt. Sie setzen sich ja auch für den Umweltschutz ein, für die Rechte von Tieren, den Weltfrieden, die Abschaffung des Hungers, wieso denn nicht auch für alle geschlechtlich randständigen Identitäten, selbst wenn es dann Frauen sind, die diesen Zusatz hinterfragen, ablehnen oder schlichtweg nicht verstehen. Auch wenn die „Frauenfrage“ noch längst nicht geklärt ist und es genügend Baustellen gäbe, an denen alle Frauen gleichermaßen laborieren (unentlohnte Sorgearbeit, Gewalt, Reproduktionsrechte), scheinen die Befindlichkeiten anderer stets wichtiger zu sein. Von anderen zu erwarten, sich mit der Frau zu solidarisieren und nicht umgekehrt wie bisher, wird erst gar nicht zur Diskussion gestellt. „Weiblich gelesene Person“ lautet die Umschreibung, um den Vorwurf eines unzureichend erfüllten Repräsentationsauftrags im Vorhinein zu unterbinden und eine möglichst große Distanz zum Frausein aufzubauen. Warum aber eigentlich? Wer genau soll inkludiert werden? Brauchen Transfrauen einen Extraverweis auf ihre Andersartigkeit, nachdem sie sich im binären System verortet haben oder vermittelt der angefügte Stern nicht ganz im Gegenteil Exklusion? Oder sollen gar weibliche nicht-binäre Personen und Transmänner ersucht werden, sich doch bitteschön wieder mit ihrem Ursprungsgeschlecht zu identifzieren? Oder sind gar die Schwulen damit gemeint oder die Männer im Allgemeinen? Haben all die Übrigen den keinen eigenen Namen; reicht ihnen der ins Nichts führende Fußnotenverweis? Das Unwohlsein mit dem Begriff Frau, mit den Frauen als eigene Klasse, bringt Daria Majewski mit dem „Schmerz, nie einfach nur Frau sein zu können“3 sehr gut auf den Punkt, den sie als verbindendes Merkmal von cis- und transgeschlechtlichen Frauen erkennt und der stets mit der Verleugnung des Geschlechts einhergeht. Schade eigentlich, dass trotz angeblicher Fortschritte das Frausein nach wie vor so unglücklich macht, dass nur noch die Deidentifikation Erlösung bringt.
Es werden zwei Gründe angeführt, warum „Frau“ allein nicht mehr reicht. Dass es einerseits unmöglich ist, die allgemeine Bezeichnung für Frauen mit der Sichtbarmachung von Differenzen zu erweitern und es andererseits nichts an den gesellschaftlichen Zwangsverhältnissen ändert, sei hier nur am Rande erwähnt. Der eine Grund, warum „Frau“ ohne Sternzusatz nicht reicht, liegt in der Vermeidung einer skandalisierten Geschlechterbinarität zur Geschlechtspluralisierung der Frau, der andere, um darauf hinzuweisen, dass das Geschlecht konstruiert ist. Was aber genau ist an der Geschlechterbinarität so verkehrt, dass sie mit einer derartigen Todesverachtung betrachtet wird? Die beengenden Schranken der Zweigeschlechtlichkeit ergeben sich ja nicht aus der Binarität der Geschlechter, sondern aus den gesellschaftlichen Zuschreibungen an sie. Wie erklärt sich die „Konstruktion“ eines biologischen Geschlechts, und zwar unter der Verwendung von stichhaltigen Argumenten? Verbessert die weibliche Kastration in der Sprache zur Integration aller die Lage der Frau oder entledigt sie sie nicht eher feministischer Kritik, weil sie die patriarchal geprägte Hierarchisierung der Binarität verunklärt? Es müsste vielmehr darum gehen, das Ein-Geschlecht-Modell und unseren misogynen Androzentrismus abzuschaffen, der davon ausgeht, dass Frauen für andere da sind und nicht für sich selbst. Auf diese Weise wird das biologische Geschlecht, das mit der patriarchalen Zurichtung zur Selbstaufopferung verknüpft ist, notorisch ungehemmt mit einer ideellen Geschlechtsidentität verwechselt, die als persönliche Empfindung oder Missempfindung genau jenen konditionierten Kümmerreflex der Frau auslöst, mit dem sie sich co-abhängig und unter Selbstaufgabe auf andere stürzt und ihnen die Würde nimmt, deren eigene Probleme selbstbestimmt zu definieren und zu lösen.
Die sprachlichen Verrenkungen zur Vermeidung der Frauenbezeichnung sind Folge der Aufhebung einer vormals klaren Trennung zwischen biologischem Geschlecht (sex) und sozialem Geschlecht bzw. den mit dem biologischen Geschlecht verknüpften Erwartungen (gender). Diese Unterscheidung wurde eingeführt, um zu verdeutlichen, dass die Geschlechterpräsentation nicht auf biologische Unterschiede zurückzuführen ist und dass sich Geschlechterrollen verändern oder abschaffen lassen. Wird Frausein als reproduktive Kategorie und weder als Geschlechterrolle noch als subjektives Gefühl wie in der Queer-Theorie verstanden, braucht das Wort keine zusätzliche Erklärung oder Einschränkung. In ihrer Erörterung zum Thema Binarität erklärt die Differenzfeministin Antje Schrupp, warum Frausein nicht inhaltlich definiert werden muss und ein erklärender Zusatz die Freiheit der Frau nicht vergrößert: „Frausein ist das, was ich bin, Frausein ist das, was Frauen tun. Frausein hat keine weitere inhaltliche Bestimmung, und schon gar keine, die in Beziehung auf andere Geschlechter definiert ist. Das heißt: Für das, was Frausein bedeutet, ist es vollkommen unerheblich, ob Männer (oder andere Geschlechter) dasselbe oder etwas anderes tun.“4
Es hat etwas zutiefst Respektloses, Frauen mit einem Sonderzeichen an ihr problematisiertes Geschlecht zu erinnern und etwas Paternalistisches für die Lesenden, die man dadurch ermahnt, Denkarbeit zu leisten und sich ja keine moralisch verwerflichen Patzer zu erlauben. Auch ist es fraglich, ob sich denn jemand nur aufgrund des Sternchens mitgemeint fühlen möchte oder sich deswegen leichter mit Frauen identifiziert. Genauso wie es mit den abertausenden Appellen an die feministische Solidarität, die Freundschaft und den weiblichen Zusammenhalt passiert, gelingt es auch mit diesem Reflexionsauftrag den Frauen eine lösungsorientierte Bringschuld einzubläuen, eigenständig und proaktiv die patriarchal bedingte Isolation der Frauen abzubauen. Letztlich ist die Frau schuld und es liegt an ihren fehlenden Bemühungen, wenn der Feminismus zu wenig Menschen erreicht.
„Das Missverständnis kommt vielleicht daher, dass es im Queerfeminismus (aus dem heraus mir der Vorwurf der ‚Binarität‛ oft entgegenkommt) vor allem um das Verhältnis geschlechtlicher Identitäten zueinander geht. Mich interessiert das jedoch weniger, mein Thema ist das Verhältnis von Geschlecht und Welt. Das heißt, ich spreche, wenn ich die Wörter ‚Frauen‛ und ‚Männer‛, ‚weiblich‛ oder ‚männlich‛ benutze, über das Verhältnis von Frauen zur Welt und über das Verhältnis von Männern zur Welt – und nicht, oder gewissermaßen nur ‚über Bande‛, über ihr Verhältnis zueinander oder zu anderen Geschlechtern.“5
Zusammenfassend sind es vier Punkte, die dafür sprechen, dass der Stern nicht dazu in der Lage ist, eine diskriminierungsfreie Sprache umzusetzen, eher verwirrt und entzweit und der Sichtbarmachung der deklassierten Stellung der Frau und ihren Gewalterfahrungen zuwiderläuft.
Es gibt eine Vielfalt an Geschlechterkonstruktionen, jedoch ist das reproduktive oder biologische Geschlecht einfach nur binär. Entweder ein Körper organisiert sich rund um die Bildung von Eizellen oder und die Bildung von Samenzellen. Keine Abweichung oder atypische Entwicklung konstituiert ein drittes Geschlecht. Deswegen ist es logisch von Männern und Frauen auszugehen, auch wenn sich nicht alle fortpflanzen können oder wollen. „Abzuschaffen seien also nicht die Unterschiede, sondern deren Hierarchisierung“6, heißt es zur anarchafeministischen Position einer Janet Biehl, und dazu ist ist die gleichzeitige Nennung aller möglichen Unterschiede mit einem einzigen Zeichen wahrlich nicht geeignet.
Das biologische Geschlecht ist nicht konstruiert, weswegen es keinen Sinn ergibt, Menschen in penetranter Weise darüber belehren zu wollen. Geschlechterstereotpye lassen sich nicht sprachlich abbauen, sondern durch feministische Einstellungen und frauenstärkende Forderungen, die aus dem Inhalt herauszulesen sein müssen, was der Antifaschistische Frauenblock Leipzig folgendermaßen zusammenfasst: „Ein Wohlfühl-*, an dem die politische Gesinnung festgemacht wird, braucht es eben auch nicht. Eine scharfe Kritik an vertretenen Positionen ist wünschenswerter als an der Form des Textes.“7
Der Stern verhindert eine selbstbewusste Darstellung von Frauen, die ein Recht darauf haben, vorbehaltlos als eigene Kategorie und nicht in Bezug zu anderen Geschlechtern dargestellt zu werden. Muss ihrer Bezeichnung etwas zugesetzt werden, verliert die allgemeine Form ihre Kraft. Das schwächt einerseits die Position der Frau, andererseits kann es der Frau aufgrund ihrer gesellschaftlichen Entwertung gar nicht gelingen, anderen Marginalisierten zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen.
Der Sternzusatz fördert also keine Inklusion, sondern bezweckt geschlechtliche Uneindeutigkeit und ist ausschließend für jene, die sich einfach nur als Frauen identifizieren. „Feminismus soll nicht nur für einige Frauen gelten, sondern für alle Frauen“, schreibt Holly Lawford Smith in ihrem Buch „Gender-Critical Feminism“. Die eigentliche soziale Ungerechtigkeit bestehe noch immer in den Normen der Weiblichkeit, die Frauen auferlegt werden, um sie in den Dienst der Männer zu stellen. Dass es deswegen genügend andere Gruppen gibt, die darunter leiden, sollte ihnen genug Anlass bieten, sich den Befreiungsversuchen der Frau anzuschließen. Die vermeintlich geschlechtersensible Sprache missachtet all jene, die nicht in einen Stern gequetscht werden wollen. Verdienen INTA-Personen oder queere Menschen nicht eine größere und spezifischere Aufmerksamkeit als eine pauschale usw.-Nennung? Warum wird Frausein seit Aristoteles‘ Sichtweise von der Frau als „verstümmelter Mann“ immer wieder problematisiert? Und wäre es nicht an der Zeit, Frauen ohne Bevormundung, schulmeisterliche Anspruchshaltung und der institutionellen Durchsetzung einer vermeintlich progressiven Sprache endlich auch einmal nur Frauen sein zu lassen?
- Sucht nach anderen Menschen und deren Problemen, um darüber Bestätigung zu erhalten und von eigenen Themen abzulenken; eine Marionette sein. In Bezug auf den inklusiven Feminismus auch „Queer-Dependence“, bei der sich Frauen für andere aufopfern, um nicht als transphob, queerfeindlich, TERFs oder privilegiert abgekanzelt zu werden und keine Aufmerksamkeit auf frauenspezifische Anliegen zu lenken. ↩︎
- Dorothee Markert: „Die Eroberung des Ehrentitels ‚Frau‛ durch die 1970er-Frauenbewegung“ ↩︎
- Daria Majewski, in: „Feministisch streiten“, 2018 ↩︎
- Antje Schrupp: „Warum es nicht „binär“ ist, wenn ich von Frauen und Männern spreche“ ↩︎
- Antje Schrupp: „Warum es nicht „binär“ ist, wenn ich von Frauen und Männern spreche“ ↩︎
- Vgl. Janet Biehl, in: „Anarchafeminismus“, 2024 ↩︎
- „Das Unbehagen mit dem Sternchen“, in: „Feministisch Streiten“, 2018 ↩︎

