Willkommen zu meiner Radiosendung auf Radio Helsinki vom 09. Juli 2024 mit meinem Gast Noah-Leo Lassalle, der sich für eine emanzipatorische Praxis in der sexuellen Sorgearbeit – sowohl durch seine Tätigkeit als Callboy als auch in der medialen Darstellung seines Berufs – engagiert. Noah-Leo Lassalle lebt in Wien und München und ist seit vielen Jahren als Callboy tätig.
Hier findet ihr den Link zur Sendung: https://helsinki.at/podcast/669743
„Warum funktioniert „for all genders by all genders“ nicht so einfach? Ganz einfach, weil wir uns immer noch viel zu sehr einbilden, wir wären schon viel weiter gekommen. Es gab ja einmal die 68er-Revolution mit einer angeblichen sexuellen Befreiung, was auch ein eigenes Kapitel ist. Ich glaube, dass wir einfach noch nicht so weit sind, wie manche glauben zu sein oder wie manche auch gar nicht wollen.“
(Noah-Leo Lassalle)
Von aktiven Österreicherinnen, der Verbreitung von Freude und Zuversicht und einem vernünftigen Umgang mit Sexarbeit
In diesem Interview spricht Noah-Leo Lassalle über die Einzigartigkeit jeder Begegnung mit seinen Kundinnen, übers Berührtsein, die seine Treffen mit Frauen manchmal bei ihm auslösen, über die geschlechterhierarchischen Abgründe, die davon zeugen, wie unglaublich viele Männer ihre Frauen schlecht behandeln, und über die große gesellschaftliche Ignoranz, die in der Sexarbeit nur eine mechanische Bedürfnisbefriedigung sieht, die am besten im Untergrund stattfinden solle.
„An Ironie kaum zu überbieten in den Geschlechterinszenierungen der westlichen Welt ist nämlich die Tatsache, dass der Verkauf von Sex nach wie vor in einer dunklen Unterwelt des sozialen Tabus, der kriminellen Umtriebe und der Gewalt stattfindet, während der sexualisierte Verkauf allgegenwärtig ist.“
(Laurie Penny: „Fleischmarkt“, 2012)
Die paritätische heterosexuell-männliche Prostitution würde die Geschlechterverhältnisse endlich ausbalancieren. Denn wenn weibliche Kundschaft sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nimmt, ist Sex einvernehmlich. Warum aber wird gerade dieser Aspekt in Prostitutionsdebatten vernachlässigt, in denen die eklatante Geschlechterasymmetrie gar nicht mehr beleuchtet wird und die heterosexuelle Kundin unerwähnt bleibt?
„Ob ich mir das vorstellen könnte in einem Bordell zu arbeiten. – Warum nicht? Ich könnte mir vorstellen, dass, wenn wir eine ganz große Info-Offensive haben und eine neue gesellschaftliche Freiheit, dass es dann einen relevanten Anteil von Frauen gibt, die es für normal und erstrebenswert halten, ein solches Angebot anzunehmen. Es müsste halt dann etwas sein, das nicht nur ein Bett in einem Raum hat, sondern – fast ein bisschen wie eine Wellness-Oase –, wo man sich erst einmal gemütlich etabliert.“
(Noah-Leo Lassalle)
Noah-Leo weiß zu berichten, dass einige Projekte für Frauenbordelle wegen mangelnder Nachfrage gescheitert sind. Er glaubt aber auch, dass die gegenwärtige Escort-Tätigkeit, wie sie in der männlich-heterosexuellen Sexarbeit üblich ist, den meisten Frauen entgegenkommt, weil sie einen vielfältigen und individuellen Weg für die Frau darstellt, nach ihren Wünschen Kaufsex auszuhandeln, sodass eigentlich wenig an organisatorischen Rahmenbedingungen geschaffen werden müsste.
„Es ist möglich im Rahmen einer geordneten Paysex-Vereinbarung – ich sag jetzt nicht Gefühle, weil die gehören tatsächlich nicht unbedingt rein –, aber in jedem Fall vollste Leidenschaft und große Intensität zu erleben… Es ist möglich, eine respektvolle Vereinbarung auf Augenhöhe zu treffen, in deren Rahmen sich erwachsene Menschen große Freude gegenseitig schenken. … Es geht nicht darum, dass ich ein Stück Butter kaufe und es in den Kühlschrank stelle. Es geht darum, dass es ein Erlebnis ist, das einzigartig ist, das zwischenmenschlich ist mit all seinen Facetten, und das einen auch persönlich weiterbringen kann.“
(Noah-Leo Lassalle)
Was Noah-Leos Meinung nach gebraucht werde, um bessere Bedingungen auch für die weiblichen Kollegen zu schaffen, sei Aufklärung, Offenheit und Mut, um das Thema Sexualität auf eine neue und sensible Weise in die Öffentlichkeit zu bringen. Was wir aber nicht bräuchten, seien scheinheilige Verbote oder neu diskutierte Teilverbote. Alles in allem sind wir trotz angeblicher sexueller Befreiung traurigerweise noch sehr lange nicht so weit, wie manche meinen, was für ihn eine große Motivation darstellt, mit seiner Sexarbeit nicht nur eine positive Wirkung auf die Kundinnen auszuüben, sondern auch immer wieder die gesellschaftlichen Verhältnisse zu hinterfragen.
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https://callboy-verzeichnis.com/callboys/callboy-noah-leo-lassalle

