Über Männer, die zu viel Zeit haben, und Frauen, die den Dreck der Geschichte wegräumen
Ob als bigorektischer Hantelkrieger oder als Oberbefehlshaber völkerrechtlich bedenklicher Angriffe: Männer schaden anderen, weil sie reproduktiv unterfordert sind und in der Haus- und Sorgearbeit merkwürdig schwach vertreten sind. Dafür simulieren sie körperliche Arbeit im Fitnessstudio, verbeißen sich in sportliche Ersatzschlachten, dozieren in ihre Gefolgschaft hinein, philosophieren sich in den Orkus und erfinden Haushaltsgeräte, die Frauen dann unbezahlt bedienen dürfen, als gütige Erleichterung für ihre Liebesdienste, zur Isolation von anderen und damit ihre Arbeit endlich wieder mehr wie Zauberei wirkt.
Dass sich der Alltag, also jener Teil des Erdenlebens, der sich um die Erfüllung der Maslowschen Bedürfnispyramide dreht und mit der Versorgung, Erziehung und Betreuung einhergeht, wesentlich verkompliziert, wenn fürsorgliche Nieten mit Expansionsdenken, Großspurigkeit und Machbarkeitswahn dagegenarbeiten, hat Maria Mies nach der Katastrophe von Tschernobyl folgendermaßen kommentiert: „Diese Wissenschaftler können mit ihrer Wissenschaft zwar das Leben auf der Erde zerstören, sie können auch genau berechnen, was sie angerichtet haben, sie können aber das Leben nicht wieder herstellen … und plötzlich fällt ihnen nichts anderes ein, als die vorwissenschaftlichen Hausfrauentechniken … Wascht den Salat! Lasst die Kinder in der Stube! Wascht ihre Schuhe! Geht nicht in den Regen!“1
Das gilt nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für Kriegsverherrlicher, Religionsführer, Weltenherrscher oder andere selbsternannte Genies und Alleinunterhalter: Sie beschäftigen eine Entourage an körpernahen Dienstleisterinnen oder wenigstens temporär unauffällige Pflegerinnen, die für die physische, emotionale und sexuelle Reproduktion von Männern sozialisiert wurden und ihnen alle Reibungen mit dem Alltagsleben beseitigen.
„Dementsprechend begreifen wir die Frauen also nicht einfach als ein Mängelwesen, auf deren Benachteiligung und Beschädigung wir immerzu hinweisen müssen, sondern wir setzen in unserem Politikansatz gerade auch auf das Alltagswissen, die Kompetenz und Phantasie der Frauen, die sich durch ihren Stehplatz in der letzten Reihe auf der Tribüne der Weltgeschichte bewahrt, gewonnen und wiederangeeignet haben.“2
THE MUNDANE IS TO BE CHERISHED
(Jenny Holzer)
Es sind die Hausfrauen als praktisch veranlagte Menschen, die realitätsangemessen reagieren, das Leben produzieren und erhalten und denen alles, was als repetitiv, körpernahe und unterbezahlt gilt, aufgehalst wird, damit sich andere auf deren Rücken ihrem Erfindungsgeist und ihrer Gedankentiefe hingeben, mit schrottigen Erfindungen die Technosphäre expandieren, Apparaturen herstellen, die kein Mensch braucht oder die nur einen Bruchteil dessen wiedergutmachen, was mit der Fragmentierung des Sozialen und der Umweltverschmutzung zerstört wurde. Auffallend ist, dass reproduktiv überlastete Menschen zumindest nach Phasen der Zerstörung wie nach dem Krieg oder während der Corona-Pandemie als Trümmerfrauen und multitaskingfähige Systemerhalterinnen gelobt werden, in der restlichen Zeit aber wenig Vorbildwirkung auszuströmen scheinen. So muss die Hausfrau und ihre Arbeit zumindest rhetorisch entschärft werden und hinter der Erwerbsarbeit zurücktreten. Die Mutter, Prototyp der 24h-Pflegekraft, darf nicht mehr namentlich auf ihrem Arbeitsausweis erwähnt werden. Denn der „Mutter-Kind-Pass“ heißt nun „Eltern-Kind-Pass“ und fällt der Geschlechtsneutralisierung zum Opfer, ohne dass sich an der Mutterschaftsstrafe auch nur das Geringste geändert hätte. Und was die Trümmerfrauen anbelangt, wurde ihr Mythos längst entlarvt. Weder waren es dezidiert die Frauen, die maßgeblich am Kriegsaufbau beteiligt gewesen waren, noch entspricht ihr alternativloses Handeln dem romantisierten Bild der selbstlos zupackenden Frau. Schade, dass sich mit der Korrektur weiblicher Vaterlandliebe nichts an der patriarchalen Arbeitsideologie geändert hat. So wird auch heute noch den Trümmerfauen nachgesagt, dass sie erstens „wie Männer geschuftet“ hätten und zweitens der Inbegriff der Bescheidenheit und Tugendhaftigkeit gewesen wären. Dem sei entgegenzusetzen, dass jede Arbeit, sobald sie von Frauen verrichtet wird, an Prestige verliert, und dass von Frauen endlich nicht mehr erwartet werden sollte, Sklaventätigkeiten mit wohltätiger Sanftmut auszuführen.
„Was daran für heutige Frauen so anstrengend ist, ist nicht die Unwissenheit und Unerfahrenheit der Männer selbst, sondern die seltsame Tatsache, dass die Männer von ihrer eigenen Unwissenheit und Unerfahrenheit nichts wissen – und nichts wissen wollen … Hausarbeit [gilt], auch weil sie in den letzten hundert Jahren durch diverse technische Erfindungen so unendlich viel leichter geworden ist, nicht mehr als ein Tätigkeit, die man lernen muss – obwohl sie das natürlich immer noch ist, wie alle anderen Alltagstätigkeiten auch, vom Autofahren bis zum Ausfüllen der Steuererklärung.“3
Frauen als interne Kolonien
Adam Smith, eine dieser Geistesgrößen, die den Wert unbezahlter Frauenarbeit im Wirtschaftsleben ignorierten, lebte sein ganzes Leben im „Hotel Mama“, Hitler wurde von liebessüchtigen Frauen umworben und selbst der hässlichste und widerwärtigste Grandseigneur unseres Abendlandes unterhielt eine Gefolgschaft an Adorantinnen, Hausmägden und Beischläferinnen. Interessant ist, dass der Frondienst der Frau zwar feministisch skandalisiert wird, aber dennoch nur selten als Tätigkeit aufgefasst wird, die bezahlt werden sollte, damit Frauen nicht mehr für ihre „parasitäre Lebensform“, die je nach Arbeitspensum oft gänzlich von einem Mann abhängig macht, gedemütigt werden. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Sobald sich die Frau allzu lange in der öffentlichen Sphäre niederlässt, aber nicht wie eine Trümmerfrau arbeitet, machen sich die Hüter weiblicher Tugenden über ihr Schmarotzertum lustig. Kate Manne beschreibt in ihrem Buch „Down Girl! Die Logik der Misogynie“, dass Männer auf „gute Frauen“ angewiesen sind, um ihre Vormachtstellung aufrechtzuerhalten und dass verschiedene ‚Unterwerfungs‛-Mechanismen als „dynamische, aktive und energische Manöver, Frauen auf ihren Platz verweisen, wenn sie anscheinend ‚Ideen haben, die über ihre Stellung hinausgehen‛“, und von „Wünschen und anderen ähnlichen Gefühlslagen, die verlangen, dass die Welt in Einklang mit einer patriarchalischen Ordnung gehalten oder gebracht werden soll.“4
Die Banalität der Misogynie
Fitness-Influencer Marcel Reiter begeistert seine Fans auf Social-Media-Plattformen, indem er sich über das Training von Frauen lustig macht, das er als seichte Hampelei nörgelnder Ehefrauen interpretiert. Wenn er in seinen Videos mit dem Namen „Ü 40 Mütter“ patriarchal belastete Mütter bei ihrem Stressabbau parodiert, werden wir Hausdienerinnen mit Sprüchen wie „Lass uns das Geld unserer Ehemänner verbrennen!“ oder „Wir lassen Emotionen raus – ich nehme Kinder und das Haus!“ daran erinnert, dass wir uns schamlos und untätig zu Lasten des Mannes lächerlichen Pläsieren hingeben und nicht etwa, dass heterosexuelle Partnerschaften Frauen ausbeuten und schlimmstenfalls töten. Nicht nur die strukturelle Misogynie, die von den Medien ausgeht, wacht über der Gefügigkeit der Frau, auch die Medizin hat es sich stets zur Aufgabe erklärt, Frauen bei Widerstand zu bestrafen. Wann immer man sich nicht mit den verantwortlichen Ursachen auseinandersetzen wollte, wurden Frauen als emotional labil, schwach und faul diagnostiziert. Patientinnen der frühen psychoanalytischen Literatur waren nicht an Hysterie erkrankt, sondern an ihren restriktiven, monotonen Leben verzweifelt, weil sie sich um ältere Verwandte kümmern mussten. Auch heute noch fehlen das Caregiver Burnout und die patriarchale Zurichtung in psychiatrischen Diagnosebüchern, während obskure Begriffe wie Borderline und andere Symptombeschreibungen als sogenannte Persönlichkeitsstörungen Frauen angehängt werden, die hauptsächlich eines bräuchten: eine gerechte Verteilung der Sorgearbeit, Geld und feministischen Beistand.
Unbezahlt und unsichtbar
„Aus Liebe zu arbeiten, ohne Anerkennung, ohne Entgelt und ohne etwas zurückzukriegen, ist also nicht mehr nur ein Anspruch des Außen, diesen Außen verlangt auch, dass es ein Anspruch des eigenen Innen zu sein hat. Frau hat schließlich eine gute Partnerin zu sein. Frau ist all das nicht, wenn sie vor lauter Liebe nicht im Burnout landet“5, schreibt Beatrice Frasl in ihrem Weckruf zur Entromantisierung. Dem bleibt eigentlich nur mehr hinzuzufügen, dass die Dienerinnen aus Liebe, ihren Anspruch bitteschön auch so internalisiert haben sollen, dass sie nicht auf die Idee kommen, darüber wütend zu werden, ihre Sklavenhalter zu verlassen und sich anschließend bei Aktivitäten in der Außenwelt erwischen zu lassen, die für Männer erschaffen wurden. So wie Frauen im Fitnessstudio höchstens dort anzutreffen sein sollten, um Männer anzuhimmeln, nach einer Geburt wieder manierlich auszusehen oder Kreuzschmerzen vorzubeugen, damit sie nicht so schnell verschleißen, liken Frauen die Schikanen der Männer, weil sie ihnen die patriarchal eingebläute Sympathie für ihre gekränkte Männlichkeit erweisen. Unsichtbare geschlechterhierarchische Arbeit wird durch Liebe und Himpathie ideologisch stabilisiert. Anscheinend müssen Frauen solange in ihren Sorge-Käfigen ausharren, bis sie von Männer eingeladen werden (auf Englisch: „being asked out“) unter ihrer Patronanz ihre Inklusorien zu verlassen, wollen sie nicht die Disziplinar-Manöver eines selbstwertversehrten Hampelmännchens aktivieren, der sich – reproduktiv unterfordert – im Fitnessstudio hinter seinem Mansplaning über Gratisarbeitskräfte verschanzt.
Realitätsverdrehung
Stets aufs Neue die patriarchale Verkehrung der Welt geraderücken, ist eine Sisyphusarbeit, die Feministinnen erledigen. Angesichts der Tatsache, dass Frauen weltweit das Gros an Arbeitsstunden leisten, ist es fast unglaublich, mit welch erbärmlichen Projektionen Männer ihr labiles Ego stärken. Solange wir nichts an der herrschaftlichen Ignoranz der Männer ändern und Patriarchatskritik nicht am Lehrplan der Schulen steht, brauchen wir keine neuen Elends-Analysen und dürfen weiterhin Klassiker wie Shulamith Firestone zitieren, um darzulegen, dass nicht der weiblichen, sondern der männlichen Klasse, die sich auf die Liebesarbeit der Frauen stützt, Parasitismus vorgeworfen werden muss, „denn sie bezieht ihr Kraft aus der emotionalen Stärke der Frauen, ohne etwas dafür zu geben.“6 Leider ist es aber eine traurige Gewissheit, dass auch irgendein dummer Hanswurst, der mit klischeehaften Phrasen die „Banalität der Misogynie“ verkörpert, die Statistik der Frauentötungen vorantreibt. Und während Marcel Reiter und andere Sportsfreunde einfach „nicht mehr so dünn“ und ein wenig Spaß haben wollen, im Digga-Entertain-Modus das Fensterputzen von Frauen verballhornen und die nächste Generation an Männern zu Selbstherrlichkeit und Unpartnerschaftlichkeit erziehen, schuften Frauen weltweit nicht wie Männer, sondern wie Frauen: unbezahlt und abgeschottet und werden dafür belächelt, dass sie neben all der Existenzverwaltung nicht so boxen wie ein, wie wer eigentlich? Auch ja, wie ein in dreister Bubenhaftigkeit erstarrter Hantelbank-Furzer, der sich auf Kosten von Müttern amüsiert.
1 Maria Mies: „Tschernobyl – Wer machte uns die Natur zur Feindin?“, in: taz, 21.05.1986.
2 Adrienne Goehler: „Kein Wunderland für Frauen“, in: „Utopos – Kein Ort“, Bielefeld 1988.
3 Heide Lutosch: „Kinderhaben“, Berlin 2023.
4 Kate Manne: „Down Girl!“ Die Logik der Misogynie, Berlin 2019.
5 Beatrice Frasl: „Entromantisiert euch!“, Innsbruck 2025.
6 Shulamith Firestone: „Frauenbefreiung und sexuelle Revolution“, Frankfurt 1975.


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