Über das geheiligte Elternpaar aller Asymmetrien: die Nichtentlohnung der Frau und die reproduktive Unterforderung des Mannes
In Österreich wird mit aller Sturheit an überkommenen Geschlechterasymmetrien und Rollenerwartungen festgehalten. Obwohl Österreich als EU-weites Schlusslicht in der Väterbeteiligung bei der Elternkarenz die maximale Erdferne erreicht hat, wird dieser Umstand mit beispielloser Ignoranz hingenommen. Ganz im Gegenteil finden die meisten, dass Männer nicht zu einer Sorgeverantwortung verpflichtet werden können, müsste doch urplötzlich – zumindest für Väter – selbst Arbeit ganz aus freien Stücken passieren. Dank der patriarchalen Backlash-Hölle kann zumindest hoffentlich niemand mehr verlautbaren, es habe sich eh schon so viel geändert. Wobei es bemerkenswerterweise genug Frauen gibt, die die rhetorischen Lippenbekenntnisse der Möchtegern-Hausmänner und ihre theoretische Bereitschaft im Haushalt „mitzuhelfen“, fast zu Tränen rührt. Wie erstarrt sind Frauen eigentlich in ihrer Wunschlosigkeit und penetrant vorgetragenen Männerschonung? Angesichts der Tatsache, dass wir mit der globalen Aufrüstung, der akuten Umweltzerstörung und dem Gewaltproblem bis zum Hals in der Scheiße stecken und mit unserem guten alten soldatischen Männerideal, dessen Hauptmerkmal aus der Abgrenzung zu allem Weiblichen besteht, kurz vor der Selbstauslöschung stehen, möge man meinen, dass mehr Offenheit für den Abbau von Geschlechterasymmetrien bestände. Nach wie vor sollen aber nur Frauen, notfalls mit Quoten, in das patriarchale Wertesystem der Vollerwerbstätigkeit, des Expansionsdenkens und der Leistungsoptimierung eingepasst werden, während Männer bei der innerhäuslichen Sorgearbeit oder im sozialen Bereich der Freiwilligenarbeit hauptsächlich durch Abwesenheit glänzen dürfen.
„Frauen werden so lange außerhalb des Heims nicht gleich sein, wie der Mann im Heim nicht gleich ist.“
(Gloria Steinem)
Männerschonung und Killerphrasen
Bei der am 1. Oktober 2025 stattgefundenen frauenpolitischen Fragestunde mit steirischen LandespolitikerInnen antwortet Robert Reif von den NEOS auf die Frage, wie man mehr Männer in die Väterkarenz bringen könnte, mit „dem Ausbau der Betreuungstätten“, die gebetsmühlenartig vorgetragene Standardantwort seit Jahrzehnten, wenn es darum geht möglichst energieschonend alles beim Alten zu lassen. Fast unisono (mit Ausnahme der KPÖ) finden alle ParteienvertreterInnen, dass es Männern nicht zumutbar wäre, sie zur Sorgearbeit zu „zwingen“, und das, obwohl Österreich EU-weites Schlusslicht bei der Väterkarenz ist und mit einem überdurchschnittlich hohen Gender Pay Gap in puncto Geschlechterparität wieder die Rückreise anzutreten scheint. Dass die einzigen Menschen, die hierzulande in die Karenz gezwungen werden, Frauen sind, nämlich aus einer reinen Alternativlosigkeit heraus und dank der ewig vorgestrigen Rollenbilder, wird allerdings von niemandem skandalisiert. Natürlich darf auch die Verächtlichmachung der Frauenbezahlung in Form der penetranten Erwähnung der„Herdprämie“ nicht fehlen, die immer dann herhalten muss, wenn man sich selbstgerecht von rechter Politik abgrenzen möchte. Dass dann aber nicht einmal Kerstin Zambo von der FPÖ weiß, was denn mit der ominösen Herdprämie gemeint ist, spricht Bände von einem Frauenbild, dass in der Sorgearbeit nichts weiter als ein verzichtbares Vor-dem-Herd-Herumstehen sieht. Fairerweise anzuregen, Frauen aufgrund ihrer Doppelbelastung auch doppelt zu bezahlen, nämlich neben dem Lohn für ihre Zweitjobs genauso mit einem Sorgeeinkommen, bleibt aufgrund dem sturen Vortragen der ewig gleichen Totschlagargumente undenkbar.
Der Arbeitsbegriff des Equal Pay Day
Der Equal Pay Day gibt an, ab welchem Tag im Jahr – meist im Oktober oder November – Frauen unbezahlt arbeiten. Dass ist allerdings nur die halbe Arbeit und lässt die Ursache der reduzierten Erwerbsarbeitsbeteiligung außen vor. Frauen arbeiten in Wirklichkeit 365 Tage im Jahr unbezahlt. Nicht nur die niedrigen Pensionen sind schuld, dass Frauen in der Armutsfalle landen, sondern der Umstand, dass sie für ihre innerhäuslichen reproduktiven Tätigkeiten keinen Lohn erhalten. Daraus lässt sich ableiten, dass trotz regelmäßiger Anläufe zur Bewusstseinsbildung der Arbeitsbegriff männlich geprägt bleibt und die herrschende Arbeitsideologie nicht hinterfragt wird. Die überlebensnotwendige soziale Reproduktion, die vornehmlich Frauen „gratis“ zu Hause erledigen, gilt auch im 21. Jahrhundert noch immer nicht als richtige Arbeit, geschweige denn als lohnwürdig. Alle Vorschläge gegen Frauenarmut – Bildung, Verhütungsmittel, Leistungsoptimierung, Zeitmanagement, Therapien gegen Burnout, Mutter-Kind-Kuren etc. – sind solange als blanker Hohn und patriarchale Zumutung aufzufassen, bis die systemische Sklaverei der Frau und ihre Leibeigenschaft als eigentliche Ursache ihrer Armut, Erschöpfung und Vereinzelung abgeschafft wurde.
FRAUEN AUF DER GANZEN WELT ARBEITEN UMSONST
MÄNNER AUF DER GANZEN WELT „HELFEN“ IM HAUSHALT
Frauenarmut
Die Verarmung von Frauen hat allein mit der Tatsache zu tun, dass sie für ihre Reproduktionsarbeit nicht bezahlt werden. Entlastung in der Familienarbeit durch Außenstehende in Betreuungsstätten leistet nur wenig Abhilfe, weil das Ausmaß der innerhäuslichen Arbeit unterschätzt wird und die Externalisierung weiblicher Arbeit die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt verschlechtern. Neben der Feminisierung monetärer Betreuung schafft die neokoloniale Lösung der transnationalen Migration, in der Niedrigqualifizierten ein temporäres Aufenthaltsrecht in den Zielländern gewährt wird, eine neue Dimension der Prekarisierung der Hausarbeit. Anstatt Männer in die private Sorgearbeit paritätisch einzubinden, um deren Bewusstsein nachzuschärfen und über ihre Sorgebelastung die Reduktion der Erwerbsarbeit voranzutreiben, wird das Problem der schrumpfenden „Hausfrauen-Ressource“ in den globalisierten Arbeitsmarkt entsorgt. Ebenso aussichtslos ist es, ohne Einbindung der Männer an der Basis, lediglich die Erwerbsarbeitszeit auf 30 Wochenstunden zu kürzen. Erstens reduziert sich dadurch weder die Überlastung der Alleinerzieherinnen noch die männliche Sorgeabwälzung auf Frauen, Außenstehende und Migrantinnen, weil nämlich Männer mit einer grundlegend anderen Motivation als Frauen Teilzeitstellen antreten. Während Frauen, deren Teilzeitquote sich auf über 50 Prozent beläuft, vor allem aufgrund von Kinderbetreuung, Krankheit oder stressbedingter Erschöpfung beruflich zurückstecken müssen, entscheiden Männer sich für die Teilzeit, weil ihnen Weiterbildung, Lebensqualität oder Zeit eigene Interessen umzusetzen wichtig erscheinen, sodass die patriarchal-kapitalistische Arbeitsteilung ungebrochen bestehen bleibt.
Was hat das alles mit Schweinen zu tun?
Der „Verein gegen Tierfabriken“ (VGT) setzt sich dafür ein, Tieren Grundrechte einzuräumen und fordert Stroh für Schweine, damit sie ein zufriedenes Leben führen können. Es ist nicht zu verstehen, warum man Frauen kein menschenwürdiges Leben gewähren möchte, obwohl sie ähnlich wie Schweine zur überlebensnotwendigen Aufgabe der Reproduktion des Menschen auserkoren worden sind. Umgemünzt auf die misogyne Sturheit, mit der mit allen möglichen Ausreden eine Frauenbezahlung unterbunden wird, möchte ich im folgenden Absatz den VGT paraphrasieren, in dem der Originallaut als Vorbild angeführt wird:
„Schweine sind neugierige, intelligente und aktive Tiere. Frauen sind neugierige, intelligente und arbeitsame Menschen. Sie brauchen Stroh (Geld). Wie Menschen wollen auch Schweine weich liegen. Wie Männer wollen auch Frauen für ihre Arbeiten bezahlt werden. Wie Menschen wollen auch Schweine genug Platz haben, um sich zu bewegen. Wie Männer wollen auch Frauen Freizeit in Paarbeziehungen haben, um sich um ihre eigenen Bedürfnisse zu kümmern. Und sie haben einen großen Rüssel, mit dem sie gerne im Stroh wühlen. Und sie haben einen großen Sorgealltag zu bewältigen, den sie sich gerne mit anderen Menschen aufteilen wollen.“

