Willkommen zu den patriarchalen Senkgruben unserer Zeit, zu leider realen Sichtungen, fatalen Richtungen und hirnschrumpfenden Observationen, zu den „So isses“ und „Geht’s noch?“ und zum phallizistischen Downburst unserer letzten Tage:
Auf die Hilferufe nach dem Andersrum, gediegenem Womansplaining, „old hags opinions“ und Güterzüge von Tomaten, die verfeuert werden wollen!
„The trouble was, I hated the idea of serving men in any way.“
(Sylvia Plath: „The Bell Jar“, 1963)
Wider die weibliche Dienstbarkeit
Während sich Männer gemütlich hinter Konventionen und höheren Befehlen in Bezug auf ihre reproduktive Minderleistung und Ignoranz verstecken, geht die Hetzjagd auf Frauen, ihre Änderungsbereitschaft, erfundene Defizite und das Einflößen von Bringschuld munter weiter. Und dabei haben sie vor allem eins zu sein: freundlich und nett! Ob im Umgang mit Männern oder im Bestätigen von Geschlechtsidentitäten, ein Appell der niemals an Männer gerichtet wird, denen unter dem Leitsatz „Boys will be Boys“ von der Belästigung bis zur Schändung von Kindern alles entschuldigt wird. Frauen brauchen aber keine Entwicklungshilfe mehr, keine Frauenquoten in Gewaltinstitutionen, keine Belehrungen und Affirmationen, um in der Rape Culture Resilienz aufzubauen, keine Optimierungen, medizinische Diagnosen und Interventionen, keine Quetschbälle, Mediationen und Vagusnerv-Stochereien, keine Nachhilfe im Vereinbarungsmanagement, keinen Kurs in Partnerschaftlichkeit und Beziehungsarbeit: nichts – kein Fünkchen mehr an zusätzlicher Belastung! Selbst die Gratis-Plörre bei den Ladies‘ Nights könnt ihr euch sonst wohin stecken. Wir nehmen nichts mehr, außer Freizeit und Geld, Sorgeeinkommen und Schadensbegleichung! Wir fordern die totale Fokussierung auf den Mann und die Umkehrung der Geschlechterrollen, nicht um missbräuchliche Zustände zu verlagern, sondern um sie zu transzendieren und das soziale Miteinander endlich wieder erträglich zu machen.
”I grew up in a society which required women to ‘be kind’ and to flatter men. Then came a brief moment of honesty, and now the kindly lies have started up again.“
(Julie Birchell)
Der Morgenstern der Frauenkastration
Weil Frauen von klein auf zur Selbstaufopferung zugerichtet werden, müssen sie nun auch für die Aufhebung von Geschlechtsunterschieden sorgen, indem sie ihre Biologie leugnen, um die binäre Ordnung durch ihre eigene Auslöschung neu zu klassifizieren und wieder dem guten alten maskulinistischen Universalismus zuzuführen. Wenn Frauen als FINTAs, Frauen* und *innen im Einheitsbrei der Geschlechtsidentitäten untergehen, dann wird das, was vordergründig als Abgrenzung zum binär-verengten Rollenklischee gedacht war, erneut einem konkurrenzlosen männlichen Mittelmaß angepasst. Denn was für die Frauen als solche nach ihrer Beschneidung übrigbleibt ist nur mehr die Reduktion auf ein gruseliges Stereotyp. Die queere Sprachbereinigung mit ihrer Kastrationshilfe des Gendersternchens ist die aktuelle Auflage patriarchaler Bevormundung und ein Zeichen, dass der Druck auf Frauen im Namen der sozialen Gerechtigkeit zunimmt. Wurde früher von ihnen verlangt, ihren Befreiungskampf dem Antirassismus, der Arbeiterbewegung oder dem Umweltschutz unterzuordnen, sollen sie sich heute in eine Reihe von Geschlechtsidentitäten einpassen, um co-abhängig deren Anliegen im Dienste einer angeblich wichtigeren Sache zu vertreten. Das bedeutet, dass wir auf der einen Seite eine Vielzahl junger Menschen haben, die sich aus dem Frausein herausidentifizieren, auf der anderen Seite scheint es aber trotzdem die Zuständigkeit der Frauen zu sein, sich für die Ausgetretenen einzusetzen, indem sie sich das biologische Geschlecht herausschneiden und sich selbst zum Verschwinden bringen.
„Natürlich weiß ich, dass Frausein in der herkömmlichen symbolischen Ordnung binär fremddefiniert wird, aber diese Definition akzeptiere ich nicht, ich akzeptiere sie nicht, wenn sie von Patriarchen kommt, und auch nicht, wenn sie von Queers kommt.“
(Antje Schrupp: „Frausein ist nicht binär oder: Wir sind hoffentlich alle Enbies!“, 2018)
Tomatenwürfe gegen die Normalisierung der patriarchalen Verhältnisse
1968 fand in Frankfurt der berühmte Tomatenwurf von Sigrid Rüger auf einer Konferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes statt, als nach einer Rede von Helke Sanders über die spezifische Ausbeutung von der Frauen betroffen sind, die Genossen nicht einmal zuhörten und kommentarlos zum nächsten Tagespunkt der Veranstaltung übergingen. Bis heute hat sich nichts an der politischen Ignoranz gegenüber der patriarchal verursachten Realität von Frauen, ihren Armuts- und Gewalterfahrungen und der geschlechtsspezifischen Sozialisation geändert, nach der Frauen Männern Fürsorge, Aufmerksamkeit, sexuelle Verfügbarkeit und unbezahlte Hausarbeit schulden. Selbst für eine vorgeblich progressive Politik sind die patriarchalen Konsequenzen auf Frauen lediglich Randthemen und die Vereinbarkeitsproblematik weiterhin nur hysterisches Gedöns. Frauenpolitische Anliegen wie die Bezahlung häuslicher Reproduktionsarbeit dient nur noch dazu, sich demonstrativ von einem als reaktionär verurteilten Mutterbild der rechten Politik abzugrenzen, der man wenigstens zugute halten muss– wenn auch nur aus Imagegründen – die Mutterschaftsstrafe nicht vom Preis eine Frau zu sein abzukoppeln. Höchste Zeit für mehr Tomatenwürfe!
„Kapitalismus und Patriarchat haben überhaupt kein Interesse daran, dass sich Frauen organisieren und dass der volkswirtschaftliche Luxus dieser so überlebenswichtigen, unbezahlten Fürsorgearbeit plötzlich etwas kosten könnte: Geld, Zeit oder vielleicht sogar die eine oder andere Machtposition.“
(Gertraud Klemm, „Abschied vom Phallozän“, 2025)
Anarchafeminismus
Der Tomatenwurf zur Ignoranz der politischen Linken macht deutlich, dass sich Feminismus nicht mit Parteien verbinden lässt, weil sich in jeder gesellschaftlichen Institution und staatlichen Organisation das Hilfstruppendenken der Männer über Frauen durchschlägt und in Tyrannei ausartet. Innerhalb des bestehenden Gewaltsystems kann es keine Gleichstellung für Frauen geben. Deswegen sollten wir aufhören von der Emanzipation der Frau zu sprechen, den Mann aus seiner reproduktiven Unterforderung befreien und endlich Männerquoten in der Sorgearbeit fordern. Anarchistinnen lehnen nicht nur den Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftssystem und ihre unbezahlte Indienstnahme darin ab, sondern auch die Existenz von Staaten mit ihrem Kriegsmonopol und ihren ideologischen Apparaten des Bildungswesens, der Kirchen, Parteien, Medizinbetriebe, Massenmedien und kulturellen Einrichtungen, weil sie von männlicher Herrschaft und Repression geprägt sind und Expertenmacht und Konsumentenhaltung beflügeln. Für Emma Goldman war das Grund genug, scharfe Kritik an Feministinnen zu üben, wenn sie eine Gleichstellung der Frau innerhalb des kapitalistischen Systems anstrebten.
„Es ist heute für die Frau notwendig geworden, sich von der Emanzipation zu emanzipieren, will sie wirklich frei sein. Es besteht keine Hoffnung, dass die Frau – trotz Stimmrecht – je die Politik vom Schmutz befreien wird.“
(Emma Goldman: „Das Tragische an der Emanzipation der Frau“, 1911)
Aus der Verleugnung treten
Die Domestizierung und Kastration der Frau, die Phallokratie, die ideologische Untermauerung durch Männerreligionen, der logos spermatikos, die unbezahlte Hausarbeit und der Techno-Faschismus… Dies waren Fakten, über die einst reger Austausch herrschte. Heute werden diese mit Umschreibungen der Verleugnung zugeführt. Wir leben nach wie vor in einem Patriarchat, in einer männlich dominierten Plutokratie mit klaren Hierarchien. Das Problem des fehlenden Feminismus zeigt sich anhand von Tabuwörtern, der rhetorischen Auslöschung der Frau, Hierarchisierung unter Müttern und diskursiven Verschiebungen, die historische Kontexte und Differenzen verdecken. Die Umbenennung mittels vager Sammelbegriffe oder sogenannter analytischer Konzepte ist keine Lösung, sondern Gewalt durch Verschleierung. Heteronormativität, Care, feminine Subjekte und Sexarbeiter*innen sind nur einige Beispiele für die Demontage eines kritisch-reformativen Diskurses, der immer weniger dazu fähig ist, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und Geschlechterasymmetrien aufzuzeigen. Wenn aus der Hausarbeit von Frauen geschlechtsneutral die Lebenssorge von Caregivers und Caring Masculinities wird, dann stellt sich die Frage der Entlohnung unbezahlter Frauenarbeit nicht mehr. Dass wir Care als kommerzialisierte Dienstleistung für die Erwerbsarbeitsintegration von Frauen auffassen, hat mit der Unterschlagung einer kapitalismuskritischen Betrachtung zu tun; dass wir nur erwerbstätige Mütter unterstützen mit dem Fehlen von Patriarchatskritik und unserem Verständnis von den Liebespflichten einer Frau.
„Differences in Power are always manifested in asymmetrical access.“
(Marilyn Frye: „The Politics of Reality“, 1983)
Die Abschaffung von Geschlechterasymmetrien in allen Belangen
Selbstverständlich bin ich für die Abschaffung aller Geschlechterasymmetrien, doch wage ich zu bezweifeln, ob wir überhaupt weibliche Streitkräfte benötigen würden, verrichteten Männer mit der gleichen Ausdauer reproduktive Tätigkeiten (Kinder- und Altenpflege, soziale Arbeit, Besänftigungs- und Befriedungsarbeit) wie es Frauen weltweit als Dienerinnen des Mannes tun. Kein Mensch, der den Großteil seiner Lebenszeit mit elterlichen Pflichten verbracht hat, schickt seine Kinder in den Krieg oder vertraut dem technisch wissenschaftlichen Machbarkeitswahn. Dass Frauen jede männlich konnotierte Tätigkeit zu übernehmen befähigt waren, kennen wir aus der Vergangenheit. Wir werden ihre Funktionalisierung als Lohndrückerinnen erst dann überwinden, wenn anstatt der rhetorischen Alleinerzieher*innen echte, sorgeerfahrene Männer die Erwerbsarbeit humaner gestalten. Stattdessen halten wir Männerbastionen (Kirchen, Militär, Sport, Baugewerbe) instand und lehren Männern, sich nur zuhause bei »Mutti« emotional sicher zu fühlen. Wir entscheiden uns für die Geschlechterspaltung und wundern uns dann, wenn Männer sich aus Angst vor Feminisierung gegenseitig die Köpfe einschlagen, Amok laufen, Kriege initiieren oder den Freitod wählen.
”There is a women’s place, a sector, which is inhabited by women of all classes and races, and it is not defined by geographical boundaries but by function. The function is the service of men and men’s interests as men define them.”
(Marilyn Frye: ”The Politics of Reality“, 1983)
Das Problem, das keinen Namen hat: Phallizismus
Während mit allen Mitteln versucht wird, Männer vor ihrem Gebärneid oder dem Umstand ihrer relativen Bedeutungslosigkeit durch Auslöschung weiblicher reproduktiver Vorgänge und Körperteile zu schonen, hält sich die stereotype Darstellung von männlicher Seriosität (Anzug, Krawatte, Kurzhaarschnitt), aggressivem Verhalten (Videogames, Actionhelden, Sport) und ejakulatorischer Besitznahme (Sex = penile Penetration von egal was) mit unfassbarer Hartnäckigkeit. Folge davon ist die Auslöschung des weiblichen Begehrens in der Öffentlichkeit und die einseitige Implementierung weiblichen Stimulusmaterials zum Erhalt männlicher Leistungsfähigkeit und Triebabfuhr auf Kosten der Frau. Unser Gewaltsystem begreift alles, was nicht der phallizistischen Norm (hart, furchtlos, mächtig, überlegen, logisch, analytisch und intellektuell) entspricht, als Objekt und schafft aus Gründen der besseren Ausbeutung eine globale, auf multimedialer Distanzierung basierende Pornokommunikation. Eine solche Ordnung hinterlässt die Frau als passiv definiertes Ejakulationsvehikel, deren Orgasmuslosigkeit nicht marktrelevant ist. Dafür befeuert sie im Sinne der Profitabilität eine auf den finanzkräftigeren Gegenpart projizierte orgiastische Potenz, die sexsüchtige Männer mit Legenden über Samenstau und der Gefährlichkeit unterbrochener Sexualakte versorgt. Männliches Verlangen profiliert sich, weil die den Männern gebotenen Reize an die Aussicht auf Belohnung gekoppelt sind, während für die weibliche Offensive männliche Dienstleister fehlen und der eroberungswilligen Frau keine Sexfantasien offeriert werden.
„Während eine Umweltkatastrophe die nächste jagt, ein Krieg in den anderen mündet und der Planet de facto von ein paar wenigen Männern gegen die Wand gefahren wird, fragt man sich in den deutschsprachigen Feuilletons: Kann eine Frau einen Penis haben? Wo platziere ich das Gendersternchen? Wie basteln wir das ultimativ inklusive Akronym, mit dem auch wirklich alle* glücklich sind?“
(Gertraud Klemm: „Abschied vom Phallozän“, 2025)
Wer hat Angst vorm Matriarchat?
Weil der Mann nichts kann, wofür es sich lohnen würde ihn zu unterdrücken und er zudem der physisch Stärkere ist, kann das Matriarchat keine Frauenherrschaft sein. Trotzdem propagieren nicht einmal Feministinnen eine Rückkehr zur gewalt- und -hierarchielosen Sorgegesellschaft, die sich rund um Mütter und pflegende Menschen organisiert. Das kapitalistische Patriarchat mit seiner Analysebesessenheit, mit seinen Zukunftsversprechen und dem Dogma grenzenlosen Wachstums ist für uns süchtig gemachte Menschen einfach zu attraktiv, der Fix des schnellen Kaufrausches, der Bestätigung über Leistung und die Genugtuung des Begehrtwerdens einfach zu groß und zu geil, als dass wir dafür die ständigen Entzugsschmerzen, das Dauerdrama und die progressive Verschlechterung ernsthaft infrage stellen würden. Wir können unsere nicht befriedigten basalen Bedürfnisse nach sozialer Teilhabe, sinnstiftenden Tätigkeiten, Kreativität, Zuwendung und Zugehörigkeit jederzeit mit dem Kauf von Pornos, Sex, Junkfood, Medien und anderen substanz- oder verhaltensbezogenen Dröhnungen zum Stillstand bringen und uns dabei so weit von unserem inneren Informationssystem distanzieren, bis wir innerlich absterben und uns als gefühlsamputierte Zombies grenzenlosem Konsum und einem wuchernden Medizinbetrieb ausliefern, der uns gerade so weit am Leben hält, dass wir fähig bleiben zu konsumieren und dank sozialer Beschämung gehirnamputierten Tätigkeiten und Zielen hinterherjagen.
„Es ist überhaupt fraglich, warum Matriarchate trotz ihrer großen soziologischen Bedeutung und Alleinstellung nicht auf viel größeres Interesse stoßen, nicht einmal bei Feministinnen; offenbar geht die Strategie auf, sie zu verschweigen, ihre Ideen zu verzerren (‚Frauen unterdrücken Männer’), sie in die Nähe von Nazis zu stellen (Mutterkult!) oder Forschungen dazu zu diskreditieren (‚Urkultursehnsucht’).“
(Gertraud Klemm: „Abschied vom Phallozän“, 2025)
Problemignoranz
Aufgrund der suchtbezogenen Realitätsverweigerung sind das Patriarchat und die Phallokratie als Bezeichnungen für unsere männlich geprägte Herrschaftsform mit einem Sprachtabu belegt und unseren Kindern nicht zumutbar. Genau so wie in der Gesellschaft nicht derjenige geächtet wird, der noch funktionierend ausagiert, trinkt, gambelt oder welche Art destruktiven Verhaltens auch immer betreibt, sondern derjenige, der sein Problem beim Namen nennt und Änderung sucht. In der Medizin werden nur einzelne Symptome des strukturellen Suchtprozesses herausgefiltert, mit deren Diagnose der einzelne gewinnbringend bearbeitet werden kann. In der Queer-Theorie hat sich zur Realitätsbeschönigung der Begriff der Heteronormativität etabliert. Diejenigen, die sich care-rhetorisch mit einer ökosozialen Transformation beschäftigen sagen Hegemonie oder hegemoniale Situation dazu. Kritik am Patriarchat kommt nur am Rande vor und wird aufgrund dieser Problemignoranz auch nicht als Verursacher für das Gewaltsystem und den ökologischen Kollaps angesprochen. Demzufolge stellt der Ersatz für die androzentrische Organisation ein noch größeres Tabuwort dar: das egalitäre Matriarchat, das sich nach weiblichen Lebensäußerungen richtet. In der patriarchalen Erneuerungsbewegung der diskursiven Verschiebung wird es umbenannt in nicht näher definierte Caring Societies, Caring Democracies, Degrowth-Bewegungen, Ökosozialismus, Green Deal etc. Hauptsache wir haben keine matriarchale Lösung zu befürworten, die die Geschlechterhierarchien und die spezifische Ausbeutung der Frau beseitigen würde!
„Frauen Männerfeindlichkeit vorzuwerfen ist ein Mechanismus des Zum-schweigen-Bringens… Es bedeutet zu behaupten, dass eine Frau, die Männer hasst, ebenso gefährlich sei wie ein Mann, der Frauen hasst – und so zu tun, als hätte sie nicht den geringsten Grund, zu fühlen, was sie fühlt, sei es Feindseligkeit, Misstrauen oder Verachtung.“
(Pauline Harmange: „Ich hasse Männer“, 2020)
Kindness Culture
Ich habe die Beobachtung gemacht, dass viele Frauen, sofern sie überhaupt zugeben Feministinnen zu sein, relativierend einschreiten und verlautbaren, dass sie deswegen keine Männer hassen und es schrecklich finden, über Männer zu schimpfen. Ich habe mit jungen Frauen gesprochen, die ein Matriarchat für eine Zumutung halten, und mit Müttern, die meinen, man dürfe Männer auf keinen Fall zur Sorgearbeit zwingen. Dann gibt es noch diejenigen, die sich nach Gerechtigkeit sehnen, aber die Bezeichnung Feministin scheuen wie der Teufel das Weihwasser, zahlreiche, die so depressiv sind, dass sie nur noch mit Tonnen an Psychopharmaka über die Runden kommen und natürlich jene die dank ihrer intakten Fuckability gar nicht verstehen, worin denn das Problem bestünde. Mit dem Großteil der Frauen hab ich gar nicht gesprochen, weil sie sich rund um die Uhr in ihren Care-Käfigen abrackern und keine Zeit haben, darüber nachzudenken, woher denn dieser permanente Zustand der Erschöpfung kommt, der nur allzu leicht in erdrückenden Existenzsorgen, Angststörungen und Ausweglosigkeit kulminiert. Am Ende aber formt das Patriarchat die selbstbewussten, revoltierenden, alten Hexen, die „old hags“, deren ausrangierte Reproduktionssysteme ihnen eine so heftige Klarheit bescheren, dass der Druck zur Selbstbezichtigung und Freundlichkeitsarbeit wie ein Klotz von ihnen abfällt. Es sind die Auswirkungen des Männerhasses, die eine Rape Culture begründen, und nicht die Unfreundlichkeit der Frauen, die keinen Bock mehr zu haben, sich den Prototypen des Patriarchats anzubiedern. Leugnung, Ärger, Feilschen, Depression und Akzeptanz – die fünf Phasen, die Elisabeth Kübler-Ross als Reaktion auf unheilbare Krankheiten definiert hat, gelten gleichermaßen für die terminale patriarchale Seuche. Und der Feminismus sollte dafür da sein, statt Analysen, ein Interesse an Unterschieden zu erlauben und den Frauen die Lust an der Macht zu sich selbst zurückgeben.
„Da wir aber die Notwendigkeit einer Frauenliste u. a. begründeten, mit der Lust uns und unser Wissen zu erproben, also von unserer Stärke, statt unserer Schwäche ausgingen, machten wir uns des Biologismus verdächtig… Da muss die Frage erlaubt sein, ob sich Männer jemals durch überzeugende Konzepte für die Macht qualifiziert haben.“
(Adrienne Goehler, in „Utopos – Kein Ort“, 1988)
Die Furcht der Frauen vor ihrer Macht
Anstatt dass wir die Asymmetrien beseitigen, die unsere Geschlechterapartheid festschreiben, und zwar allen voran das elterlichen Paar aller Dysbalancen: die Nichtentlohnung der Frau und die männliche Ignoranz gegenüber der Sorgearbeit, suchen wir ständig nach Möglichkeiten mehr männeridentifzierte Frauen und Alibifeministinnen für den Systemerhalt zu gewinnen. Wann immer Frauen sich für ihre eigenen Belange interessieren und sich dafür einsetzen, werden sie dazu ermahnt, weniger rücksichtslos, toleranter oder solidarischer aufzutreten. Es ist kein Zufall, dass wir auch noch im 21. Jahrhundert Männer als Herren titulieren, die Frauen rein sprachlich mit den *innen an die letzte Position befördert haben, von wo aus, sie deklassiert und co-abhängig alles bemuttern können, das wichtiger als sie selbst konzipiert wurde. Solange Frauen ihren Selbstwert aus der Bestätigung anderer beziehen, werden sie sich ihrer Macht zu sich selbst schämen und von Menschen abhängig sein, die sie kontrollieren müssen. Die künstlich klein gehaltenen Energien der Frau, die Mary Daly als „Bonsaileidenschaften“ tituliert hat, mit denen sie zurechtgestutzt und verstümmelt in die antifeministische Repression eingebunden werden, ist nicht viel anderes als Germaine Greers Auseinandersetzung mit dem weiblichen Eunuch oder Svenjas Flaßpöhlers Sehnsucht nach der potenten Frau. Und dabei geht es nicht darum, den Frauen ihren Opferstatus auszureden und ihre Leiden, die den wahren Verursacher ihrer Unterdrückung kaschieren, kleinzureden oder in der Schuldumkehr das Heil der Frauenermächtigung zu sehen. Viel mehr geht es darum, den tiefen Zorn der Frau an die Oberfläche zu befördern, um ihn liebevoll zu betrachten und uns die Angst vor unserer Macht zu nehmen. Und dafür ist uns jeder Trigger recht, solange er nicht zur Verstummung der Frau führt, sondern zu ihrem lebensbejahenden Potential, das uns der Feminismus bereithält. Wie Anne Wilson Schaef geschrieben hat, geht es nicht darum, selbstsüchtig zu sein oder anderen weh zu tun, sondern mit aller Zuversicht dem eigenen Prozess zu folgen und unsere Entwicklung ernstzunehmen. Und der Feminismus ist zweifellos eine Existenzform zu dem der Separatismus dazugehört, wenn wir hoffentlich in Verbundenheit mit matriarchalen Männern Schritt für Schritt patriarchales Territorium verlassen.
„When one is pretending, the entire body revolts.“
(Anaïs Nin)

