„Ich verstehe mich als Süchtige in einem Suchtsystem. Alles, was ich habe, sind meine Erfahrungen.“
Ich heiße Pamina Normal, habe Kunstgeschichte und Pädagogik in Graz studiert und bin Autorin, alleinerziehende Mutter und ehrenamtliche Sorgearbeiterin. Im Zuge meiner patriarchalen Belastungsstörung habe ich zahlreiche Therapieformen und Anpassungstechniken ausprobiert und Psychiatrieaufenthalte und disziplinierende Maßnahmen in der Arbeitslosenverwahrung absolviert. Ich leiste Dienste in anonymen Gruppen und in der Vermittlung der deutschen Sprache. Gedanklich verorte ich mich am liebsten in den 70er-Jahren, als Männer fern jeder Transidentität lange Haare trugen und es noch einen Feminismus für Frauen gab, der sich nicht co-abhängig auf unbekannte Geschlechter stürzte, um uns mit Gendersternen Bedeutungen einzutrichtern und Frauen mit der paternalistischen Relativierung weiblicher Bezeichnungen zu entmachten.
Feministisch interessiert mich die Forderung nach einer Neuordnung der sozioökonomischen Lebensbedingungen wie sie in der zweiten Welle vertreten wurde. Mein tiefer Respekt gilt besonders den Gestalterinnen der internationalen Bewegung „Lohn für Hausarbeit“. Ich erinnere an ihren reichen theoretischen Nachlass und ihre materialistischen und intersektionalen Perspektiven. Wehmütig gedenke ich ihres kreativen Aktivismus und in fassungsloser Trauer der bis heute stummgeschalteten Erkenntnis, dass die aus der Nichtentlohnung der Hausfrau resultierende Geschlechterungleichheit die Sorgearbeit in einem Dauerkrisenmodus fixiert, der das Fortschreiten der Destruktion beschleunigt. Somit ist die geschlechterhierarchische Arbeitsteilung bis in die Jetztzeit die folgenschwerste Geschlechterasymmetrie geblieben. Umso mehr danke ich dem Engagement der Feministinnen, die einen unermüdlichen Kampf geführt haben, Frauen über den Versuch der Entlohnung ihrer innerhäuslichen Dienste Wahlfreiheit, Unabhängigkeit und die Sichtbarmachung ihrer unverzichtbaren Tätigkeiten zu gewährleisten und dadurch Sorgearbeit auch für Männer attraktiver zu machen.
Heute behagt es mir am ehesten, mich dem Genderabolitionismus anzuschließen, weil ich geschlechtlich nicht-konformes Verhalten für so normal halte, dass es keiner queeren Stereotypisierung bedarf. Wie Holly Lawford-Smith vertrete ich die Ansicht, dass die Geschlechtspräsentation in das Gleichbehandlungsgesetz aufgenommen werden soll, damit niemand aufgrund von „geschlechtsuntypischem“ Aussehen oder Verhalten diskriminiert werden darf. Ich halte die Abschaffung von Gender bzw. der Rollenklischees für die einzig vernünftige Antwort auf ein schädliches Normensystem, das alles Weibliche abwertet und als Kollateralschaden den Geschlechtsausdruck von Männern auf eine amputierte, frauenfeindliche Version reduziert.
Unsere asymmetrischen geschlechtssegregierenden Praktiken sind eingebettet in technokratische, kompetitive und profitorientierte Strukturen mit einer sexistischen Logik, die Frauen auf die unbezahlte Hausarbeit und andere prestigelose personenbezogene Felder verweist. Sie kategorisieren und spalten Menschen zur Beibehaltung von Hierarchien, männlicher Machtkonzentration und akademischer und medizinischer Deutungshoheit. Um jede Form von Herrschaft zu beseitigen, brauchen wir das Ende der Geschlechterapartheid und relationale Verhältnisse, die auf der Gleichwertigkeit, Gegenseitigkeit und Umkehrbarkeit als den Kriterien des gerechten Tausches basieren. Das ist in einer Gesellschaft nicht gegeben, die Frauen das Gros an unbezahlter Arbeit anlastet; die sie dadurch erschöpft, entwertet, auf eine reaktive Rolle zurichtet und ihnen die Funktion der Co-Abhängigen überlässt, damit das patriarchale Suchtsystem fortbestehen kann.
Sehr gerne distanziere ich mich von allen gegenwärtigen „Feminismen“, die nicht die Transformation zu einem Matriarchat befürworten, in dem die Sorgearbeit zum Grundprinzip des Lebens erhoben wird. Ich halte die Erweiterung des androzentrischen Anarchismus mit dem Ökofeminismus für eine geeignete Konstellation, das aktuelle lebensfeindliche System mit Sorgegemeinschaften und Kooperationen zu unterminieren, in der sich Menschen rund um Frauen oder andere Sorgetätige und deren Bedürfnisse organisieren, anstatt das Frausein mit der Pluralisierung der Geschlechtsidentität zu torpedieren.
Abseits vom Schreiben und Lesen besteht meine Leidenschaft, mich mit Menschen über Gedichte oder Literatur im Allgemeinen zu unterhalten. Ich bin dankbar darüber, dass ich nach Jahrzehnten der Einnahme von Bewältigungshelfern, Kompensationskonsum, Gedankenflucht und Gefühlsunterdrückung clean, trocken und relativ nüchtern in der Realität und im Moment leben darf. Seit vielen Jahren in 12-Schritte-Gruppen und anderen Formen der Selbsthilfe genesend, versuche ich aus meinem feministischen Interesse an alternativen Verbindungen die Verbreitung der anonymen Suchtgemeinschaften als weltweite soziale Bewegung zu verstehen, die sich mit ihren spirituellen Werten der Ehrlichkeit, gegenseitigen Hilfeleistung und herrschaftsfreien Bemühungen den patriarchal-kapitalistischen Lehren entgegenstellt. Ich fühle mich diesen Gemeinschaften sehr verbunden und sehe sie als meinen wichtigsten Gegenpol zum verinnerlichten Suchtprozess der Beziehungsanorexie, der mich im Zustand der Kontaktvermeidung und im selbstgenügsamen Konsum festhalten möchte.
Als Erfahrungsexpertin zum Thema Sucht und gemeinschaftsfördernde Sorgearbeit bin ich Autorin mehrerer Bücher, worin ich neben der kapitalistischen Gesellschaft als Suchtsystem über einzelne Menschen und ihre Suchtprozesse schreibe. Mich interessiert der Abbau von Geschlechterasymmetrien in der Sexualität (Podcast „Bordelle für Frauen“) und die Beseitigung der reproduktiven Versklavung der Frau. Meine Vision ist der Aufbau von lokalen Zentren der Sorge als Ersatz für die alten Matri-Clans zur Vergemeinschaftung der Sorgarbeit. Sich um sich, andere und den Fortbestand der Natur zu kümmern, die Schaffung einer lebenswerten Umgebung, die reich an sozialen Interaktionen und Eigenbeteiligung ist, soll uns stets darin erinnern, weibliche Realitäten als Bezugspunkt in die Politik zu bringen und Individualisierung und Isolation hinter uns zu lassen.
„Wenn’s der Wirtschaft gut geht, geht’s uns allen gut.
Alles andere ist primär.“
(Lukas Resetarits: „Tribute to Lukas Resetarits“, 2012)
Meine weiteren Publikationen:
„Tausend Türen hat die Hölle“ (BoD, 2016)

„Wer nicht suchet, der findet“, lautet das zermürbende Resümee des Psychotherapeuten zur leidlich getarnten Liebessucht seiner Langzeitklientin. Die hat nämlich noch mit ganz anderen Auswirkungen zu kämpfen: Arbeitslosigkeit, Alkohol, Tabletten, Aufenthalte im Irrenhaus und geplatzte Träume in Dauerschleife. Ob vielleicht etwas dran sein könnte an einer Abkehr von der Hetzjagd nach dem großen Glück? Aber wie soll denn die komplette Kapitulation funktionieren, wenn man nicht einmal weiß, was das ursächliche Problem ist? Da heißt es nur: immer wieder den Frust runterspülen und zurück an die Front, um mit dem brandneuen Profil auf der Partnerbörse Simulanten und Dauerschreibern den Kampf anzusagen und ihnen die ungeschönte Realität der nächsten Katastrophenverabredung abzutrotzen.
Eine Erzählung über eine depressive Mittdreißigerin, die sich mit Männern aus dem Internet trifft: Ganz egal, ob sich ein friedhofsblonder Lottospieler oder abgebrannter und polyamouröser Veganer hinter dem Bild des sonnengebräunten Athleten versteckt: Alles, was sie will, ist sich eine wohlverdiente große Liebe zurechtzuklopfen. Verblendet, von dubiosen Ängsten, Erwartungen und konstanten Hirnwichsereien zerfurcht, tröstet sie sich mit ordentlichen Druckbetankungen über zahlreiche missglückte Dates und ihren Lebensüberdruss hinweg. – Die provinzstädtische Übungsschule für „Endstation Sehnsucht!“
„Trockenrausch“ (BoD, 2019)

„Nüchtern werden ist schon schwer, nüchtern bleiben noch viel mehr“, heißt es für die Protagonistin, als sie beschließt nicht mehr tatenlos im Irrenhaus abzuhängen, sondern ihr Alkoholproblem unter Kontrolle zu bringen. Ein paar trockene Tage werden in freudloser Manier absolviert, dann setzt die Flitterwochenphase mit Suchtverschiebung und Nachholsyndrom ein; neue Räusche und Ersatzbefriedigungen müssen her, wenn von Widrigkeiten heimgesucht, Weißkittel und hartnäckige Besucher an die Zimmertür klopfen. Ganz ohne den Bewältigungshelfer Alkohol sägen auch die Kollegen mächtig an den Nerven. Als sie erkennt, dass es sich mehr als um ein Spiel handelt, begibt sie sich auf eine niederschmetternde Suche nach einer alternativen Lebensorientierung. – „Drogen und Alkohol sind was für Anfänger. Wer richtig cool ist, zieht sich die Realität rein!“
„Die trostlose Welt der alkoholfreien Mundspülungen: Der wunderbar schräge Humor, der sich durch den gesamten Text zieht, nimmt diesem die Schwere. Dabei habe ich lachend auch einiges über mein eigenes Suchtverhalten in verschiedenen Bereichen gelernt und vielleicht das erste Mal ein wenig verstanden, was es mit der Kaufsucht auf sich hat. Ganz besonders mochte ich die eingestreuten Songtexte und die einfallsreiche und absurde Inhaltsangabe von Hesses ‚Narziss und Goldmund‛. Ich wünschte, ich hätte die Idee und den Mut gehabt, so eine Zusammenfassung seinerzeit einem Literaturprofessor zu überreichen :-)“
„Flankenschmerz“ (BoD, 2022)

Climacterium Praecox, Unterleibsbeschwerden, Säuferwahn und progressive zerebrale Retraktion: kein Ausgleich für die bitter ersehnte Familienidylle! Von Schicksalsschlägen gebeutelt, verfällt die jung verwitwete Greta dem Alkohol und anderen Drogen, besonders aber ihren zwanghaften Verhaltensweisen und Illusionen. Rund um die Skulptur eines gekreuzigten Frosches durchlebt sie in der Osterzeit ihre eigene Passion, zerrieben von der Todsünde der Invidia, paranoiden Rachegedanken, Entzugssymptomen und Zeitgenossinnen, die das Leben zu verwöhnen scheint. Abgespalten von ihren Gefühlen und moralisch am Ende driftet sie ab in Anorexie, Isolation, Kontrollwahn und den Rausch einer imaginierten Beziehung. Weil sie unfähig ist ihre Selbstvernichtung mit der gebührenden Geschwindigkeit voranzutreiben, lenkt sie schließlich ihre autoaggressive Energie in die Beseitigung der unliebsamen Konkurrentinnen.
Eine visionäre Osterzeit voll Endzeitstimmung und paranoider Hoffnung auf einen wie auch immer herbeigeführten Seelenfrieden. Vom Schattendenken einer Schattenexistenz, der Flucht vor der Unmittelbarkeit der Realität und zu viel vertraulicher Nähe. Die Geschichte einer frauenmordenden Bibliothekarin, die nach dem Unfalltod ihres Mannes emotional verwahrlost. Ort des Geschehens ist die »City of Dust«, die steirische Landeshauptstadt Graz, und ihre von Süchten und Neidgefühlen getriebene Bewohnerin, die beinahe als erste weibliche Berühmtheit in die Annalen der Murmetropole eingegangen wäre. – „Ein Buch wie ein Exorzismus. Bitte nur im fixierten Zustand zu konsumieren!“

