Warum Frauen vor allem nackt zu sein haben
“She didn’t know how to react to his non-sexualisation of her, and as she stared at his silent face, she recognized a familiar pain, a sense of not being there.”1
Wir kennen es ja alle: Wenn die Temperaturen kälter werden, wird die neueste Wintermode präsentiert und die Schaufenster-Puppen tragen sogar richtige Schuhe: manche wenigstens. Welche und wie viel wintertaugliche Kleidung eine Puppe trägt, hängt wesentlich davon ab, ob für Männer- oder Frauenmode geworben wird. Während die männlichen Vorführmodelle mit Mütze, Schal, Anorak und fester Beinbekleidung ausstaffiert sind, haben die weiblichen auch bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt partiell entblößt zu sein. Entweder glitzert ein knappes Top und ein offenherziges Dekolletee unter der Jacke hervor oder die Puppen tragen kurze Röckchen oder Kleider mit einem Fummel drumherum. Und dabei frieren Frauen aufgrund der geringeren Muskelmasse und der dünneren Haut viel stärker als Männer, die bei der Erzeugung von Körperwärme klar bevorteilt sind. Umso logischer wäre es, wenn sie es wären, die Frauen mit idealtypischen Maßen in bauchfreien Shirts und heißen Höschen erfreuten. Aber, ach ja: „Männern wird kaum vorgeschrieben, wie sie sich zu kleiden haben, um begehrenswert zu sein“, schreibt Katja Grach: „Auf dem roten Teppich werden bemerkenswert wenig Fragen nach den Designern der flotten Anzüge gestellt, mit denen die Schauspieler vor den Kameras posieren.“2
Bei so viel Ungemütlichkeit dank fahrlässiger Bekleidung lässt nicht nur der Winterblues grüßen, sondern auch die Blasenentzündung, die sich bei einem labilen Immunsystem einstellt, oder zumindest ein krummer Rücken, weil die Kälte nicht gerade zu einem aufrechten Gang beiträgt. Gottlob werden wir auf diese Weise immer wieder daran erinnert, das Frausein nun mal mit Leiden einhergeht und wir sowieso nicht uns selbst gehören, sondern dem männlichen Begehren und der Allgemeinheit. Allerdings reicht hübsch und sexy allein noch nicht für das Patriarchat. Denn wer über die Sexualisierung sozial hierarchisiert, verknüpft damit auch Machtansprüche und sorgt dafür, dass Frauen sich von ihren Körpern entfremden. Neben ästhetischer Arbeit soll die Frau dem Mann und seinen Nachkommen dienen und bei Schmerzen inklusive Kälte nicht allzu viel murren. Da ist es wohl eine Kleinigkeit, wenn wir wenigstens auf das Äußere reduziert werden, dem man schon irgendwie nachhelfen kann, und dass es besser ist, für die Sexyness Bestätigung zu erhalten als gar keine. Und wie leicht es ist nach all den Brotkrumen, die uns hingeworfen werden, so richtig süchtig zu werden, weil wir sowieso alle nach Aufmerksamkeit hungern, steht auf einem anderen Blatt geschrieben.
„Wir sprechen immer von Gleichberechtigung und sexueller Befreiung, doch wir vergessen, dass mit der sexuellen Revolution vor 50 Jahren auch neue Zwänge und Normen kamen. Heute sind wir an einem Punkt, an dem Frauen ihre eigene Sexualisierung und Unterwerfung als Gipfel der Emanzipation verkauft wird. Ich finde, es ist an der Zeit, das kritisch zu hinterfragen.“3
Men-Pleasing
Der Blick auf die Frau ist stets ein männlich-heterosexuell geprägter Blick. Egal, ob ich mir etwas Neues zum Anziehen kaufe, über mein Erscheinungsbild oder zu forderndes Verhalten nachdenke: als Mädchen wurde ich dazu sozialisiert, dem Mann in den Arsch zu kriechen und seine Glocken zu kraulen, um seinen klapprigen Selbstwert aufzurichten. Weil der weiblich-heterosexuelle Blick durch die Frauenabwertung nicht von Relevanz ist und der Mann einer Frau keinen sexuellen Nutzen schuldet, existiert auch keine reduktionistische Betrachtung auf den Mann in der Öffentlichkeit. Während männliche Körper vielfältig dargestellt werden und keinem wertenden Blick genügen müssen, sind weibliche Körper – ob im animierten Kinderfernsehen oder als Modemodell – nicht nur einem unrealistischen Schlankheitsideal unterworfen, sondern treten stets sexualisiert, in unnatürlicher Weise oder eben halbnackt auf, damit sie leichter beurteilt und als entweder „zu schön“ oder „zu hässlich“ verachtet werden können. Dabei obliegt es dann der Frau selbst jenen schmalen Grat zwischen Hurenbeschämung und Zimperlichkeitsvorwürfen zu beschreiten, der aus den latent drohenden Vorwürfen eines zu lasziven oder zu gezierten Verhaltens resultiert. Dieses konstante Bemühen der Verhaltensanpassung zur Abwehr von Sanktionen trägt dazu bei, dass das vermittelte mit dem internalisieren Frauenbild deckungsgleich wird und Frauen auf eine süchtig machende Außenorientierung oder Co-Abhängigkeit gepolt werden. So besteht das höchste weibliche Pläsier darin, die auf andere ausgelagerten Eigenbedürfnisse zu befriedigen. Schließlich bewirkt die Angst vor Ablehnung und der Wunsch nach Eigenaufwertung eine konstante Selbstverleugnung und führt zur gezielten Beeinflussung anderer, um die Versorgung mit Zuspruch und Bestätigung zu sichern.
„Für einen Mann, der sich als Mensch wertlos fühlt, bleibt zumindest noch die Möglichkeit, Macht über Frauen auszuüben. Die Unterwerfung der Frau, sei es materiell, körperlich oder psychisch, erfüllt dann auf psychischer Ebene eine stabilisierende Funktion.“4
The patriarchal dividend
Trotz zahlreicher Abhandlungen über den männlichen Identitätskonflikt und der Bereitstellung alternativer Männlichkeiten leiden Männer anscheinend noch immer nicht genug an ihrer psychischen Einengung und verzwergten Lebensrealität, die aus ihren Machtvorteilen und Privilegien resultiert, sodass auch heute noch jegliche Bereitschaft fehlt, etwas an der heterosexuellen Arbeitsmoral zu ändern. Ganz im Gegenteil reicht es offenbar aus, die toxische Männlichkeit einiger Ausnahmemänner zu kritisieren, aber nicht die Weiblichkeitsabwehr und die Widerspenstigkeit, mit denen sich jeder uns bekannte Mann die unbezahlte Haus- und Betreuungsarbeit vom Hals schafft. Während sich dank der männlichen Höherpositionierung ein kollektives Bekenntnis zur Männerschonung durchgesetzt hat, bleibt die Kontrolle der Frauen in der Gesellschaft durch ein disziplinarisches System aufrecht. Männer können sich dank der Männerforschung aus verschiedenen modernisierten Subjektivitäten eine für sie passende Männlichkeit aussuchen. Für Frauen allerdings existieren nach wie vor nur zwei Kategorien: die „gute Frau“ als kosteneffizientes Allzweckwerkzeug bzw. das „Fancy Girl“ in Form der sexualisierten Männerdienerin oder eben die „schlechte Frau“, die man schlampifiziert oder als geisteskrank und unzurechnungsfähig abstempelt, wenn sie nicht in der Lage ist, sich mit der Ungerechtigkeit abzufinden. So sind es die sogenannten Karrierefrauen, starke Frauen und Rabenmütter, die in androzentrischen Berufskarrieren reüssieren, während die Manpower in der privaten Sphäre verzweifelt gesucht wird und keine Männerquoten zur Entlastung weiblicher Reproduktionstätigkeiten existieren.
„Die in der Aufklärung entstandenen Grundannahmen für die Freiheit [beruhen] auf einem erzwungenen Machtgefälle zwischen Männern und Frauen, einem unausgesprochenen Sexualvertrag, nach dem Frauen Männern Fürsorge, Aufmerksamkeit, sexuelle Verfügbarkeit und unbezahlte Hausarbeit schulden.“5
Sexualisierung zur Ausbeutung
In Tom Waits Song „Warm Beer and Cold Women“ berichtet der Sänger, wie ein einsamer Wolf nach einer zerbrochenen Liebesbeziehung in einer Bar aufschlägt, aber nur lauwarmes Bier und unterkühlte Frauen vorfindet, die sich weigern, für ihn da zu sein und ihm Trost und Aufmerksamkeit zu spenden. So wie sich ein Mann nicht zugehörig fühlt, wenn ihn die Frauen ignorieren oder sich nicht um ihn kümmern, liefert die sogenannte patriarchale Dividende auch benachteiligten Männer mit der systemischen weiblichen Unterwerfung ein Trostpflaster für die Auswirkungen des Kapitalismus. Die unentlohnte und abhängige Hausdienerin und der Fleischmarkt, der sich um um die reproduktiven und sexuellen Körper von Frauen gebildet hat, sind die größten kapitalistischen Erfolgsprojekte aller Zeiten. Wurden Menschen früher nackt am Sklavenmarkt präsentiert, damit sich die Käufer ein realistisches Bild vom Gesundheitszustand ihrer zukünftigen Besitztümer nach deren katastrophalen Überfahrt machen konnten, so schlägt sich das heterosexuelle männliche Begehren auf die Kleidervorschriften für Frauen nieder, die sich mit einschnürenden Klamotten nicht nur besser kontrollieren, domestizieren und in die Rolle der Bedürfnisbefriedigerin manipulieren lassen, sondern von ihnen auch abverlangen, sich ihre Fuckability zu erhalten, um nicht das fragile Statusempfinden des Mannes zu irritieren. Die geschlechtsspezifische Präsentation leicht bekleideter Puppen in den Schaufenstern ist genau so anachronistisch und enthumanisierend wie die Fleischbeschauen in Nachtlokalen und dienen dem sekundenschnellen Ranking der Brauchbarkeit, bei der die Sexualisierung der Frau als voyeuristischer Augenschmaus und attraktive Liebhaberin stets ihre Verdinglichung als Haussklavin nach sich zieht.
1 Laura Gentile: „Within Paravent Walls“, 2019
2 Katja Grach: „MILF-Mädchenrechnung“, 2018
3 Sandra Konrad: „Weibliches Begehren führt noch immer eine Schattenexistenz“, 2018
4 Daniel Sanin: „Männer und Feminismus“
5 Laurie Penny: „Sexuelle Revolution“, 2022

